Über menschliches Verhalten

haben wir alle schon philosophiert. Anlässe gibt es genug. Wie viele andere Merkmale auch, beruht unser Verhalten sowohl auf ererbten als auch auf umweltbedingt erworbenen Programmen. (Mit berücksichtigt werden müssen möglicherweise auch genetische Mutationen.)
Schon Goethe stellte fest: Nicht allein das Angeborene, sondern auch das Erworbene ist der Mensch.
Es ist weiter anzunehmen, dass auch das Verhältnis zwischen genetisch festgelegten und erwerbbaren Merkmalen einer Exemplarstreuung unterliegt. Aufgrund der Ergebnisse der Zwillingsforschung wird vermutet, dass unser Verhalten, bis hin zu bestimmten Merkmalen der Körpersprache, in weit höherem Maße als bisher angenommen, genetisch festgelegt ist. Bei den bei eineiigen Zwillingen beobachteten Phänomenen schließe ich aber ASW-Effekte (aussersinnliche Wahrnehmung) auch nicht aus. (Wegen der schlechten Beweislage wird dieses Thema von den Naturwissenschaftlern vernachlässigt.)
Lesen sie hierzu den interessanten Artikel: Der Mensch - Sklave seiner Gene.

In dem Kapitel philosophische Weltbilder wurden einige Aussagen zum Verhalten gemacht (s. Sackgasse oder enge Kurve?). Darauf aufbauend und aufgrund der Analyse eigener Beobachtungen stelle ich folgende These zur Diskussion:

Der Mensch ist von Natur aus rücksichtslos.
Innerhalb seiner Gruppe (z. B. dem Freundeskreis) ist jeder Mensch ein netter Kerl (männlich und weiblich gemeint) oder auch ein wunderbares Wesen (im positiven Sinne!)
Ausserhalb "ihrer" Gruppe sind viele Menschen (s. Normalverteilung) nicht in der Lage, ihr eigenes Verhalten aus der Perspektive ihrer Mitmenschen zu beurteilen und dieses auf  Rücksichtnahme hin abzustimmen. Dies kann, wie bereits ausgeführt, nur eine Leistung des Verstandes sein, was über mehrere Hürden führt. Erstens muss der Sinn einer Verhaltenskorrektur erkannt werden. Zweitens muss man sich selbst in den Hintergrund stellen, um das eigene Verhalten kritisch analysieren zu können. Drittens muss man sich dann tatsächlich so verhalten, wie man dies von einem anderen erwartet.
Zu erstens: Ich weiß, dass viele Menschen den Sinn vom Prinzip her erkennen, aber gleich dahinter Barrieren aufgebaut haben, z.B.: machen die anderen ja auch nicht, ein Einzelner kann doch gar nichts bewirken, ich habe es selber schwer, auf mich nimmt auch keiner Rücksicht, usw.
Zu zweitens: Sich zu behaupten, die eigenen Qualitäten weiterzuentwickeln und selbstbewusst seinen Mann oder seine Frau zu stehen, das ist die eine Sache. Sich aber trotzdem nicht wichtig zu nehmen, das ist die andere Sache. Goethe sagte dazu: Wer sich nicht zuviel dünkt, ist viel mehr, als er glaubt.
Zu drittens: Die konsequente Umsetzung dieser dritten Stufe kann lebenslanges Üben sein.

Beobachtungen:
Ich habe (mühsam!) gelernt, mich über von mir als rücksichtslos empfundene Verhaltensweisen der Mitmenschen nicht zu ärgern, sondern diese als willkommene Daten für eine statistische Auswertung zu betrachten. Weil mir die Ursachen für solches Verhalten bewusst sind, empfinde ich das nicht als besorgniserregend. Dass nach meiner subjektiven Einschätzung die Rücksichtslosigkeit in unserer Gesellschaft eher zunimmt, macht mich höchstens etwas traurig, denn dies ist eine rückwärts (abwärts!) gerichtete kulturelle Entwicklung.
Von einer solchen kontrollierten Reaktion sind noch einige Fälle ausgenommen, zu denen der folgende gehört: Ein Hundehaufen gewaltigen Ausmaßes vor einem Hauseingang, mitten auf dem Bürgersteig oder auf einer Treppe. Zu solchen Fällen fehlen mir Daten, ich gehe aber davon aus, dass sich nur eine Minderheit (s. Normalverteilung) so verhält und das fällt auch nicht mehr in den Bereich Gedankenlosigkeit.

Hier nur einige harmlose Beispiele, also Kleinigkeiten, aus dem täglichen Erleben:

Diese Beispiele könnten unendlich fortgeschrieben werden.

Die Überforderung vieler Kfz-Lenker/-innen wird auch durch die Unfallzahlen im Straßenverkehr verdeutlicht. Die Regelungen zum Kreisverkehr - objektiv gesehen nicht besonders kompliziert - verunsichern bereits einen erschreckend großen Teil der Verkehrsteilnehmer. Aus diesem Grund wurden diese Verkehrskreisel - eine Erfindung der 50er Jahre - in den 60er Jahren wieder zurückgebaut. Gegenwärtig schießen sie wie Pilze aus dem Boden. (Kennen Sie jemand, der die Regelung der abknickenden Vorfahrt beherrscht?)

Zwangsläufig werden die meisten Beobachtungen im Straßenverkehr gemacht. Hier tritt die Neigung der Menschen, ausschließlich an den eigenen Vorteil zu denken, sichtbar zutage. Über andere Fälle kann man in der Zeitung nachlesen, wenn diese zu den typischen nachbarschaftlichen Streitigkeiten eskalieren und die Gerichte beschäftigen.
Dabei ist solches Verhalten ungesund, wie aus einer Pressemeldung im Mai/00 zu erfahren ist: Wer zu Wutanfällen neigt und seine Mitmenschen feindselig behandelt, läuft größere Gefahr zu verkalken. Das Risiko einer Verstopfung oder Verhärtung der Arterien sei bei aggressiven 2,5 mal so hoch wie bei toleranten Menschen, berichteten Ärzte im kalifornischen Oakland, ...bei Kolerikern sei die Gefahr einer schweren Arterienverkalkung sogar neun mal höher. Also tun wir doch einfach etwas für unsere Gesundheit!
Fangen Sie bei Ihren Nachbarn an, Sie selbst können den Zugang gestalten, ohne Maschendrahtzaun (s. Beispiel: Der Weg zu meinem Nachbarn).
Die vielen, ebenfalls in der Zeitung vermerkten Fälle von Fahrer- oder Verkehrsflucht gehen ebenfalls über eine Gedankenlosigkeit hinaus. Ich habe früher gelegentlich versucht, einen Mitmenschen höflich auf rücksichtsloses Verhalten  hinzuweisen, was nicht selten mit Empörung quittiert wurde.  Aus vielerlei Gründen unterlasse ich dies heute. Ich erinnere mich aber noch gut an eine Nachrichtensendung, als Katastrophengaffer (also Mitmenschen) empört reagierten, weil sie von der Polizei zum Verlassen des Ortes aufgefordert wurden.
Frage: Gäbe es in diesem, unserem Lande noch öffentliche Hinrichtungen, wie hoch schätzen Sie die Zahl der Zuschauer?

Eine Normalverteilung des Elementes Rücksichtslosigkeit könnte sich wie folgt darstellen: Ca. 50-60% der Menschen sind aus Gedankenlosigkeit rücksichtslos, 20-25% sind nicht bereit zur Rücksichtnahme, 20-25% bemühen sich um Rücksichtnahme. Diese Zahlen decken sich ungefähr mit meinen Beobachtungen und vor allem mit dem Ergebnis einer Umfrage: 20-25% der Befragten erklärten, (zu einem bestimmten Sachverhalt) keine Rücksicht auf die Mitmenschen nehmen zu wollen! In dieser Größenordnung liegt (im Bereich der Polizeidirektion Kempten) auch der Anteil derer, die nach Karambolagen Fahrerflucht begehen.
Viele dieser Mitmenschen halten sich für Christen. Aber sie sind nicht einmal das. Denn in der Bibel steht geschrieben: Du solls deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Und: Alles nun, was ihr wollt, dass es euch die Menschen tun, das sollt auch ihr ihnen tun.
Dieser, als Goldene Regel bekannte Grundsatz ist älter als das Christentum und für den Menschen (im Dialog mit sich selbst, d.h. durch einen Denkvorgang) erfahrbar. Dazu nochmals Goethes Faust: Ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt. Mit einer anderen wertvollen Eigenschaft, die allerdings auch in der Bibel nicht zu finden ist, sieht es nicht besser aus. Gemeint ist die Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Viele Menschen, die zu bestimmten Dingen öffentlich ihre Meinung äußern, riskieren den Verlust ihrer Fensterscheiben. Telefonterror ist ihnen gewiss. Anonym, denn Intoleranz basiert auch auf  der Feigheit und der Unfähigkeit, die eigene Meinung sachlich zu begründen und logisch zusammenhängend darstellen zu können. Die Schrifstellerin Esther Vilar wurde bedroht und verprügelt. Ihr "Vergehen" war, einfache Dinge, beobachtet und logisch abgeleitet, etwas provozierend zur Diskussion gestellt zu haben. Für die einen eine erfrischende Lektüre, für die anderen eine nicht hinnehmbare Kränkung.

Manchmal habe ich für Schopenhauers Sicht zur Menschheit Verständnis. Auch Goethe äußerte sich dazu: Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen bösen Stand.
Gelegentlich träume ich von einem ganz einsamen Wohnort, am liebsten auf einer Insel mit einer überschaubaren Anzahl von netten Mitbewohnern, aber mit Internetanschluss.

Der Umgang mit den Mitmenschen im Internet hat einen sehr interessanten Aspekt: Jeder Teilnehmer am Netz gehört zur Fan-Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Der Gesprächspartner sitzt gegenüber (in der eigenen Hütte) in der vertrauten Umgebung. Es gibt keine Fremden und keine Anderen mehr. Die weltweite Vernetzung könnte  also einen wesentlichen Beitrag für eine neue Kultur und zur Beherrschung unserer genetischen Schwachstellen liefern.


Nocheinmal zum Sozialverhalten:
Den Menschen nur mit den Verhaltensweisen für die Kleingruppe auszustatten und alles weitere der Nutzung des Verstandes zu überlassen, wäre zu wenig. Die Natur hat uns daher mit weiteren Verhaltensmustern ausgestattet, die aber nicht neu entwickelt werden mussten. Wenn möglich, greift die Natur auf  bereits entwickelte Lösungen zurück, wofür es viele interessante Beispiele gibt. Da ist zum Beispiel der Herdentrieb, also die Bereitschaft zur Unterordnung und einem Führer (bedingungslos mit allen negativen Begleiterscheinungen) zu folgen. Das betrifft die meisten Menschen ("die schweigende Mehrheit"), nur eine Minderheit kommt - genetisch gesteuert - als Führernatur auf die Welt.
In unsere Gesellschaft hineinprojiziert, wirkt sich diese Eigenschaft wie folgt aus:
Die meisten Menschen bevorzugen einen Platz in der Gesellschaft, bei dem die erforderlichen Verhaltensweisen und das Aufgabengebiet vorgegeben sind. In diesem Rahmen, also z.B. am Arbeitsplatz - läuft der Mensch zur Höchstform auf, wobei die Anerkennung für seine Arbeitsergebnisse, das Gefühl des (in der Kleingruppe des Kollegenkreises) Gebrauchtwerdens, also die kollektive Leistung und die am Monatsende heimgebrachte Beute für die Motivation sorgen.
Verhaltensweisen, denen im real existierenden Sozialismus weit mehr entsprochen wurde als in den westlichen Leistungsgesellschaften. Viele ehem. DDR Bürger haben die Umstellungsprobleme bis heute nicht lösen können.
Ich breche diese Betrachtung hier ab, denn darin steckt der Stoff für ein Buch.
Nicht minder ergiebig wäre die Analyse der vielen Beispiele des menschlichen Versagens, wenn eigenverantwortliches Handeln (also ohne unmittelbar wirkende Regelkreise) in einem komplexen Umfeld gefordert ist. (Vom Autofahren und vom Umgang mit Nachbarn war schon die Rede).
In Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Befasste sich Immanuel Kant schon im Jahr 1784 mit der Unmündigkeit der Menschen und kam zu dem Schluss: "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, ..."
Mit den Problemen des Zusammenlebens der Menschen und der Unmündigkeit im Sinne Kants befasst sich Franz Wuketits in dem Aufsatz: Wo bleibt das liberale Rasiermesser? (s. Literaturverzeichnis).

Bestimmen rationales und logische Denken unser Verhalten?

Wir handeln und reagieren gerne aus dem Bauch heraus, emotional. Das Ergebnis halten wir dann für unseren persönlichen Charme. Aber unsere gefühlsbetonten Verhaltensweisen sind es, die uns denen die uns nahestehen, sympathisch und liebenswert erscheinen lassen (hoffentlich!). Oder möchten Sie mit einem Partner aus der Familie des Mr. Spok zusammen leben?
Rational und logisch zu denken muss erlernt und trainiert werden und ein bischen mehr davon wäre der Menschheit zu wünschen. Es geht zwar auch ohne, aber wir wollen doch weiterkommen! Aber wie weit kommen wir ganz ohne unsere Märchenwelt und wie ernst wollen wir diese nehmen?

Soweit wieder eine These zum Diskutieren.

Folgend ein kleines Beispiel zu Thema.
Ich gebe gelegentlich einen Lottoschein ab. Warum? Weil ich gewinnen möchte. Aber es ist viel wahrscheinlicher, dass ich bei einem Verkehrsunfall auf der Strecke bleibe. Erst wenn ich jede Woche 30 Tips abgebe, ist meine Chance auf einen 6er größer. Aber im anderen Fall lege ich gar keinen Wert auf einen Treffer. Hier bleibt die Logik auf der Strecke.

Vielleicht wird das folgende Beispiel einigen Lesern als zu weit hergeholt erscheinen, ich zeige es trotzdem:
Wenn jemand mit einem Auto japanischer Herkunft beim Arbeitsamt zwecks Meldung vorfährt, erinnere ich mich (ausnahmsweise) an diesen Spruch:

Gott sieht alles und kleinere Sünden straft er sofort.

Nach meinen Beobachtungen ist die Kompensation von ererbten Verhaltensweisen durch den Verstand (bzw. die Kantsche Vernunft) nur wenig von dem erworbenen Bildungsgrad des einzelnen abhängig. Dies betrifft sowohl das Element Rücksichtslosigkeit, als auch die Religiosität. Die in den entsprechenden Kapiteln diesbezüglich genannten Zahlen stimmen erstaunlich gut überein.

Von Reptilien, Säugetieren und Primaten

Wir haben ganz klein angefangen. Vor Milliarden Jahren. Die Evolution ist eine Weiterentwicklung, d.h., bewährtes blieb, neues kam hinzu. Die verschiedenen Teile unseres Gehirns stammen aus verschiedenen Epochen der Evolution. Die Informationsverarbeitung in den älteren Teilen des Gehirns wird uns nicht bewusst. Entsprechend dem Verlauf der Entwicklungsgeschichte, sprechen manche von einem Reptilienhirn, einem (frühen) Säugetierhirn und schließlich von dem des Primaten. Entsprechend sind in den Teilen des Gehirns die Steuerungsprogramme aus der jeweils erreichten Entwicklungsstufe gespeichert. Unser Verhalten wird auch noch aus diesen sehr alten Teilen des Gehirns gesteuert. Mit dieser Thematik befassen sich die Aufsätze: Drei Hirne in unserem Kopf (externe Seite)  und Wesen und Ziel des menschlichen Bewußtseins (externe Seite) und vor allem das im Literaturverzeichnis aufgeführte Buch: Die Selbstorganisation des Universums.

Es gibt auch interessante Spekulationen zu dieser Problematik. Eine möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: Es stellte jemand die These auf, dass die Furcht der Säugetiere vor den Sauriern vor ca. 70 Millionen Jahren noch die frühen Kulturen der Menschheitsgeschichte erreicht hat, weil der Drache, bzw. die Auseinandersetzung mit diesem, in vielen Kulturen zu beobachten war.

 Akt: 30.08.2000
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