Das Undenkbare

Das Unendliche aber oder die vollständige Existenz kann von uns nicht gedacht werden.
(Johann Wolfgang von Goethe 1785)

In diesem Kapitel werden einige Beispiele für nur schwer - oder gar nicht - vorstellbare Zusammenhänge gegeben. Der Verstand ist aber bzgl. der Akzeptanz trainierbar. Die Reihenfolge der Beispiele ist "ansteigend".

1) Zum Thema Lottozahlen wurden bereits im Kapitel Über menschliches Verhalten Anmerkungen gemacht. Sehr viele Menschen sind davon überzeugt, dass eine Kombination von Lottozahlen: 2-3-4-5-6-n (am 10.4.99 gezogen) eine aussergewöhnliche Sensation  sei. Die Massenmedien betonen dies durch entsprechende Überschriften. Es bedarf weder eines Mathematikstudiums noch eines Mathematikbuches - man kann sich das selbst mit Hilfe des Verstandes verdeutlichen - um zu erkennen, dass die Ziehung dieser Zahlenkombination mit der gleichen Wahrscheinlichkeit erfolgt, wie die der selbst gewählten oder jeder anderen Zahlenkombination. Sie können auch die Zahlenkombination ankreuzen, die gerade erst gezogen wurde. In allen Fällen ist die Wahrscheinlichkeit - reich bzw. nicht reich zu werden - gleich hoch.

2) Grosse Entfernungen und grosse Zeiträume sprengen unser Vorstellungsvermögen, obwohl diese mathematisch sehr einfach dargestellt werden können.
Betrachten wir einen fiktiven Organismus, der pro Tag einen Millimeter zurücklegt. In einem Jahr 36 cm und nur wenn wir sehr alt werden, können wir ganze 30 Meter als "Fortschritt" beobachten. Und hätte der Weg zu Beginn unserer Zeitrechnung begonnen, so könnten wir das "Ding" noch in wenigen Minuten, einholen. Aber in einer Milliarde Jahre hätte das "Ding" die Erde locker neun mal umrundet. Diese einfache Betrachtung macht uns bereits soviel Mühe, dass wir lieber einen Gott für die neunfache Erdumrundung verantwortlich machen wollen.
Das Licht von der Sonne erreicht uns in 8 Minuten. Das Licht ferner beobachtbarer  Galaxien braucht einige Milliarden Jahre, um uns zu erreichen. D.h., wir sehen diese dort, wo sie vor Milliarden Jahren waren. Wir sehen etwas, was gar nicht da ist und vielleicht gar nicht mehr existiert. Das sichtbare Universum ist eine Scheinwelt, im Sinne dieses Wortes.

3) Ach, ist der Rasen schön grün! Irrtum - ist er nicht. Es gibt weder Farben noch Licht im Universum, nur elektromagnetische Strahlung, von der ein grosser Teil die Erde gar nicht - oder nur stark abgeschwächt - erreicht. Auf der Erde ist es also noch "dunkler" als im Weltall. So gesehen empfindet ein Blinder die Umwelt sehr viel wirklichkeitsnäher. Dieses Beispiel macht noch einmal deutlich, dass unser Bild von der Welt eine Leistung des Gehirns ist. Die Denkschule des radikalen Konstruktivismus führt Sie (bei Bedarf) weiter in diese Richtung.
Zum Verständnis dieser Zusammenhänge sind bereits physikalische Grundkenntnisse erforderlich.
DEMOKRIT (um 400 v.Chr.):" Aus Gewohnheit gibt es für uns Farbe, den Geschmack der Süsse und der Bitterkeit, aber in Wirklichkeit gibt es nur Atome und Raum".

4) Das Nichts. Damit ist nicht ein Vakuum gemeint, sondern ein "Überhauptnichts". Gibt es nicht? Denken Sie sich alles weg, an das Sie dabei denken: Keine Materie, kein Raum, keine Zeit. Einfach gar nichts. Das Urknallmodell verleitet zu der "was war davor?" - Frage. Aber diese Frage ist schon falsch, denn wenn es keine Zeit gibt, kann man nicht nach einem davor fragen. Dieses Beispiel macht deutlich, dass unser Gehirn primär in der Lage ist, sich mit unserer Umwelt auseinanderzusetzen. Alle weiteren Betrachtungsebenen des Seins müssen durch Denkmodelle erschlossen werden, wobei immer komplexer werdende rechnergesteuerte Simulationen unterstützen, bzw. unverzichtbar werden. (Wann wird uns die Rechnertechnologie überholen?).

5) Die Sache mit der Lichtgeschwindigkeit und die Folgen. Wir treten gerne aufs Gas. Immer schneller. Und dann soll plötzlich Schluss sein? Wir sind damit endgültig in die Ebene der Modellvorstellungen vorgedrungen, d.h., die Erklärungen können nur mit Hilfe der Mathematik gefunden werden, experimentelle Nachweise sind nur sehr eingeschränkt möglich.
Sie kennen auch das in der Literatur viel strapazierte Beispiel mit dem schnellen Raumschiff in dem die Zeit langsamer wird, wobei schnell "fast Lichtgeschwindigkeit", (z.Bsp. 80%) bedeutet. Wenn Sie wieder nach Hause kommen, sehen die Zurückgebliebenen ziemlich alt aus (sagt Einstein).

6) Wir gehen in den Teilchenzoo und besuchen Schrödingers Katze.
Eine der grundlegenden Aussagen der Quantenmechanik ist die, dass ein (kleines) Teilchen nicht an einem bestimmten Ort, sondern nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dort anzutreffen ist. Es kann sich genau so gut an einem anderen Ort aufhalten. Wie sich ein Teilchen verhält, ist auch von dessen Beobachtung abhängig. Es wechselt von einem Ort zu einem anderen, ohne sich dorthin zu bewegen, es ist dann einfach woanders, oder auch nicht, d.h., der Ort kann auch undefiniert sein. Haben Sie damit ein Problem?

7) Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts?
Hier versagen auch die bekannten Modellvorstellungen, diese Frage ist bis auf weiteres nur philosophisch zu klären.


 Akt: 29.05.2003
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