Gründen Sie Ihre eigene Sekte

Haben Sie noch kein passendes Weltbild gefunden? Sind Sie charismatisch veranlagt? Dann können Sie eine eigene Sekte gründen:    ===>  Werden Sie Guru! <=== (externer LINK)
Die Anleitung finden Sie in diesem Artikel aus der ZEIT (Ausgabe  05/98)

Religions- oder Sektengründer gehen, heute wie vor zwei- oder dreitausend Jahren, nach dem gleichen Schema vor: Sie behaupten mit Gott zu sprechen oder direkt von diesem Weisungen zu empfangen bzw. dessen Sprachrohr zu sein. Noch besser stellen sich von Gott verliehene Fähigkeiten z.B. die Heilung Kranker dar. Wohlwissend, daß sich die Menschen aufgrund der Erblast der Evolution von einem höheren Wesen abhängig fühlen und sich nach Wundern sehnen, kann damit Macht ausgeübt und abgesichert werden. Bis heute wird dabei auch die Vorliebe der Menschen für Mythen (je fantastischer, je wirksamer) und Kulte berücksichtigt. Man mag nur die unterschiedlichen Sekten der Gegenwart, d.h. sowohl deren Führer als auch die Mitglieder beobachten und zu vergleichen (womit wohl?). Vielleicht sind die folgend aufgezählten möglichen Fälle dabei hilfreich.

Fall a: Ein Führer benutzt die vorgenannten Möglichkeiten, um Gesetze besser durchsetzen zu können und seine Anhänger (sein Volk) gefügiger zu machen. Die Religion sichert die Macht.

Fall b: Eine religiöse Gemeinschaft wird aus kommerziellen Interessen aufgebaut, der Führer ist das, was man einen Scharlatan nennt. Oder er möchte einfach nur an der Naivität seiner Mitmenschen Geld verdienen. Das ist nicht verwerflich, das tun viele. Aufgrund unserer Veranlagung (der Erblast der Evolution) ist uns für unser Seelenheil nichts zu teuer.

Fall c: Weder a noch b, der Sektenführer ist lediglich das, was man auch verrückt oder geisteskrank nennt.

Fall d: Die Gründung einer friedlichen und uneigennützigen Gemeinschaft ist auch möglich. Alleiniges Leitmotiv ist der Glaube.

Alle Mischformen sind möglich. Es handelt sich bezüglich der angewandten Mittel aber nicht immer um den Griff in die Trickkiste. Der Kontakt mit höheren und oder die Begegnung mit nicht realen Wesen wird nicht nur vorgetäuscht. Diese Vorgänge können sich tatsächlich so im Kopf abspielen, daß der Beteiligte dies zu erleben glaubt. D.h. er sieht, hört und fühlt entsprechend. Sogenannte Gesichte, insbesondere aus dem religiösen Umfeld, sind hinreichend bekannt. Entsprechende Fähigkeiten sind wenigen übersensiblen Menschen vorbehalten, können aber auch trainiert werden. Sich als Auserwählter darzustellen ist daher in einem solchen Fall nicht abwegig.

Anhänger einiger religiöser Gruppierungen, die eher als Sekten bezeichnet werden, empfinden die Wissenschaft zunehmend als Bedrohung ihrer Weltanschauungen und wohl auch ihrer selbst. Unfähig, diesen Konflikt bewältigen zu können, schlagen sie wild um sich (auf dem Papier natürlich). Das Internet bietet ihnen dafür ideale Möglichkeiten. Das wissenschaftliche Weltbild betrachten sie als falschen Glauben bzw. als Lüge. Es wird zum Feindbild kultiviert. Wer sich mit dem Glaubensinhalten mancher Sekten befaßt, erkennt auch hier die jegliche Vernunft verdrängende Intensität des Glaubenstriebes. Das bekannte Zitat: Religion ist Opium für das Volk deutet in die gleiche Richtung. Religiöse Weltanschauungen bieten vor allem auf die für die Menschen wichtige was-kommt-danach-Frage fantastische Antworten. Paradies (Reich Gottes) und Wiedergeburt sind die bekanntesten Perspektiven. Wenn man die Verantwortung für sein Leben auch noch einem höheren Wesen überlassen kann, so ist dies auf den ersten Blick eine akzeptable Grundlage.
Das Glück in diesem einen Leben zu finden, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und alle Gaben der Schöpfung zu nutzen und umzusetzen wäre die Alternative. Daraus ergeben sich zwangsläufig auch die positiven Moralvorstellungen einer christlichen Wertegemeinschaft. Spannend und aufregend wie ein Kriminalroman können wir die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung einbeziehen und selbst nach den noch ausstehenden Antworten suchen. Die Gründung einer Sekte ist nicht erforderlich. Man wird trotzdem versuchen, seine Überzeugungen weiterzugeben und Gleichgesinnte zu finden. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen, das die Kontakte zu seinesgleichen braucht. Die Kleingruppe ist unser natürliches soziales Umfeld.

 Akt: 11.01.1999
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