Die Suche nach einem Schöpfer

Auch wer sich tiefgreifend mit dem modernen wissenschaftlichen Weltbild befasst, wird auf seinem Weg immer wieder in Ehrfurcht verharren bevor er von überwältigender Neugier getrieben, die Lösung für die nächste Frage sucht. Denn er sieht sich immer wieder mit dem Wunder der Schöpfung konfrontiert. So kann man die vor ungefähr 15 Milliarden Jahren begonnene Evolution bezeichnen, auch wenn diese Wunder so gar nichts mit den religiösen Wundern zu tun haben, die offensichtlich auf die Sehnsucht der Menschen nach Wundern abgestimmt sind. (Rationales Denken  wird dabei weitgehend ausgeschaltet.)

Einige Wissenschaftler sehen am Anfang des Universums nicht nur die Schöpfung schlechthin, sondern auch einen Schöpfer. Andere sind überzeugte Atheisten und finden im modernen wissenschaftlichen Weltbild keinen Platz für einen  den üblichen Definitionen entsprechenden Gott, schon gar nicht für den der Bibel. (Denn beim Studium des Alten Testaments drängt sich doch der Verdacht auf, dass die Menschen sich hier einen Gott nach ihren Bedürfnissen und nach ihrem Ebenbild geschaffen haben.)
Über die Ansichten verschiedener  Wissenschaftler zum Thema Schöpfer wurde auch im SPIEGEL 52/1998 berichtet: - Der erschöpfte Schöpfer - und - Die Welt aus dem Nichts -

Die Verwendung des Begriffs Gott kann in diesem Zusammenhang zu Missverständnissen führen, weil damit wohl meistens der biblische Gott gemeint ist. Auch Goethes Faust hatte Gründe, diesen Begriff zu meiden (Der Allumfasser, Der Allerhalter,). Im ZEN spricht man von der Kosmischen Kraft, manche Wissenschaftler sprechen von einem Weltgeist, von einem Schöpfer oder einfach von einer Intelligenz. Wieder andere scheuen sich Stellung zu beziehen und beschreiben einen Mix aus Mythen oder Religion und Naturwissenschaft. Dies führt zwangsläufig zu einem neuen Mythos, aber auch zu einer größeren Schar von Lesern.
Stephen Hawking benötigt für sein Weltenmodell keinen Schöpfergott, das dämpft die Auflage der Bücher. Zu trocken! Dabei sieht es ganz so aus, als ob auch ein Vakuum, bzw. ein Überhauptnichts, voller Überraschungen stecken könnte. Oder das Higgs-Feld hat etwas gewackelt, das kann ja passieren.

Aber die Sehnsucht nach Transzendenz ist ungebrochen. Lesen Sie hierzu den Aufsatz Lotto mit Gott (ZEIT 47, 12.11.1998, 63 f.) oder Gott, Geist und Kosmos gehen weg wie warme Semmeln  aus dem Archiv der Zeit.

In diesem Zusammenhang kann wieder beobachtet werden, wie nachhaltig eine frühkindliche Prägung durch ein religiöses Weltbild sein kann. Die Ausprägung einiger umweltabhängigen Fähigkeiten des Gehirns ist erst mit dem zehnten Lebensjahr weitgehend abgeschlossen. Das bekannteste Beispiel ist das Sprachvermögen. Nur bei außergewöhnlicher Begabung kann ein Mensch in späteren Jahren eine neu erlernte Sprache akzentfrei sprechen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich mit einer frühzeitig eingeprägten Weltanschauung ähnlich verhält, weil uns auch das Glaubensbedürfnis bereits in die Wiege gelegt wurde. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn sich auch einige seriöse Naturwissenschaftler, trotz aller Widersprüche, nicht von dem biblischen Gott lösen können, wenn das individuelle Glaubensbedürfnis besonders stark ausgeprägt wurde (s. Kapitel Normalverteilung und Weltbilder in der Praxis).

Nicht nur die Religionen, auch die kommunistischen Staaten bemühten sich daher intensiv um die Kinder. Menschen, denen bereits im Kindesalter die Feindbilder des Kapitalismus, des Klassenfeindes, rundum(unterstützt durch Elternhaus, Schule und FDJ) und erfolgreich eingeprägt wurden, können sich auch lange nach der Wende, vermutlich bis ans Lebensende nicht mehr von diesen Überzeugungen lösen. Sie leben weiter mit dem vollständigen Spektrum des sozialistischen Kampfvokabulars (Ausbeutung, Profite, usw. ...) und stehen nun, allein gelassen, dem Rest der Welt gegenüber. In einem Fall: Jesus sprach: ... - im anderen Fall: Marx sagt: ... Hier ein religiöses - dort ein politisches Glaubenssystem. Wie sich die Bilder gleichen! Aber ein menschenwürdiger und funktionierender Kommunismus (der Staat des Volkes) ist genau so weit entfernt wie das Paradies (das Reich Gottes).

Die Evolution hat sich in mühevoller Kleinarbeit, allerdings mit gewaltiger Kraft und unvorstellbarem Aufwand ihren Weg gebahnt. Ob sich dies nur mit einer besonderen Eigenschaft der Materie erklären lässt und mit einer Formel beschrieben werden kann, wissen wir nicht. Vielleicht werden wir das Prinzip der Selbstorganisation im Universum später einmal bereits im Schulunterricht verstehen und ganz selbstverständlich damit umgehen. Denn vielleicht müssen wir nur noch einige Denkblockaden überwinden um dieses vermutlich einfache Naturgesetz erkennen zu können. Irgendwann werden wir uns schließlich auch im Teilchenzoo noch besser zurechtfinden und noch offene Fragen klären können (z.B. die Rolle des Beobachters betreffend). Ob wir der Materie eine Intelligenz zuschreiben müssen bzw. ob und wo wir eine Intelligenz suchen müssen oder ob uns dies auf ewig verborgen bleiben wird, wissen wir auch nicht. - Noch nicht!

Gibt es einen oder gibt es keinen?

Wer über das Sein nachdenkt, stößt sehr bald an die Grenzen des Verstandes. (s. auch Kapitel Über das naturwissenschaftliche Weltbild). Mit philosophischen oder naturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen, bzw. mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes, kann dieser Erkenntnishorizont erweitert werden. Die dafür erforderlichen komplexen Denkprozesse werden dem Intelligenzgrad zugeordnet, unterliegen der Normalverteilung und werden daher nur von einem kleineren Teil der Bevölkerung eingesetzt. Diese stoßen dann etwas später, bzw. auf einem anderen Niveau an die Grenzen des Verstandes. Ein noch geringerer Teil der Menschen versucht auch diese Grenzen des Verstandes mit Hilfe wissenschaftlicher Erklärungsmodelle zu durchbrechen.

Hinter unserem Erkenntnishorizont vermuten wir das Übernatürliche, und spüren das Undenkbare. Religiöse Weltbilder bieten Denkmodelle, die das Unbegreifliche allen Menschen begreifbar machen wollen. Dafür werden Wesen geschaffen (Götter, Geister und Dämonen), die menschliche und übernatürliche Eigenschaften in sich vereinen. Götter sind Produkte der Vorstellung, der Einbildung. Projektionen, die immer wieder mit Hilfe der Fantasie geschaffen werden. Wichtig ist die Abstimmung auf die Geisteswelt der Zielgruppe. Obwohl (logischerweise!) keines der religiösen Modelle der Wirklichkeit des Seins auch nur annähernd entsprechen kann, müssen diese Modelle von den Anhängern der Glaubensgemeinschaften für absolut wahr bzw. allein seligmachend gehalten werden (s. Kapitel Religiöse Weltbilder), weil sonst Trost und Geborgenheit, wesentliche Aspekte eines religiösen Weltbildes, nicht vermittelt werden können. Ein zweifelsfreies Fundament ist daher für ein religiöses Weltbild unerlässlich. In diesen gegensätzlichen, nicht vereinbaren Grundsätzen ist für einen rationalen Verstand eine (wenn auch systemimmanente) Absurdität deutlich erkennbar.
Gott mit der Unvollkommenheit der Menschen auszustatten ist ebenso absurd, wie diesen als männlich anzusehen und zeigt einmal mehr den tiefen Graben zwischen logischem Denken (der kritischen Vernunft) und der Welt des Glaubens auf. Religionen mit personifizierten Gottheiten sind lebende Fossilien aus vergangenen Zeiten.

Aber das ist der Mensch auch.

Der Philosoph Ludwig Feuerbach formulierte: Was der Mensch nicht wirklich ist, aber zu sein wünscht, das macht er zu seinem Gotte oder das ist sein Gott. Oder: Ein Gott ist der in der Fantasie befriedigte Glückseligkeitstrieb des Menschen.

Wo ist Gott? ist der Titel eines Artikels im Magazin Morgenwelt.  (Leseprobe: "Daß Gott sich danach nicht mehr in die Schöpfung eingemischt hat, 15 Milliarden Jahre lang, daß er sich seither weder gemeldet noch Spuren hinterlassen hat, legt die Vermutung nahe, daß er den Urknall nicht überlebt hat.")

Warum wir so viele unterschiedliche und konkurrierende Religionen (Kulturen) entwickelt haben und diese Vorstellungen jeweils verbreiten wollen, wurde schon in anderen Kapiteln ausgeführt und begründet.

Für die Mehrheit der Menschen unserer Gesellschaft gibt es einen Schöpfer (s. Kapitel: Weltbilder in der Praxis), wenn auch mit unterschiedlichen Vorstellungen. Einige haben die in der Bibel überlieferten Vorstellungen (s. Kapitel Moses) uneingeschränkt beibehalten, andere haben diese dem heutigen Weltbild angepasst (s. Kapitel Weltbilder in der Praxis) oder eigene Vorstellungen entwickelt.
Der Papst hat gerade (Anfang '99) seinen Gläubigen geraten, sich keine allzu menschenähnlichen Vorstellungen von Gott zu machen. Die kath. Kirche scheint, wenn auch spät, verstanden zu haben, dass sich eine religiöse Kultur mit dem Fortschritt der Gesellschaft mit entwickeln muss, wenn sie sich behaupten will. Nicht anpassungsfähige Organismen sind vom Aussterben bedroht.

 Akt: 25.06.2000
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