Über religiöse Weltbilder
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Vor Millionen Jahren, den Zeitpunkt bzw. den Zeitraum kennen wir nicht so genau, begann unseren Vorfahren das Bewusstsein zu dämmern. Gemeint ist hier das Selbstbewusstsein, also die Fähigkeit, über sich selbst reflektieren zu können, sich seiner selbst bewusst zu sein. So begannen sie, die Natur und deren Phänomene zu deuten. Sich der eigenen Wesenheit bewusst werdend, ihre Träume erlebend, Geburt und Tod bewusst beobachtend, Naturgewalten machtlos gegenüberstehend, war es naheliegend, andere Wesen als Verursacher dieser scheinbar übermächtigen  Naturerscheinungen zu suchen. Eine besondere Rolle spielten bei diesen Beobachtungen auch die Himmelskörper (allen voran die Sonne), Feuer und Wasser. Mit der Entwicklung des Bewusstseins entstand also auch die Welt der Geister und Dämonen, mit denen man sich zu arrangieren suchte. Die bei der eigenen Art beobachtete Unterscheidung zwischen gut und böse, die sozialen Hierarchien und Verhaltensweisen, wurden ebenfalls auf diese Mächte übertragen. Aus dem Dialog mit diesen Mächten entstanden vermutlich sehr frühzeitig erste religiöse Kulte. Von der Archäologie wissen wir von sehr frühen Totenkulten, von den Naturvölkern und von noch existierenden steinzeitlichen Kulturen haben wir  einen Einblick in diese Welt. Erst in letzter Zeit hat man sich verstärkt um die Erforschung der Kultur der Ureinwohner Australiens bemüht. Diese Kultur existiert vermutlich seit 60 000 Jahren. Es gibt auch Einschätzungen, die bei 100 000 Jahren liegen oder sogar darüber hinaus gehen.

Die Ähnlichkeiten aller religiösen Kulte in der Verwendung von Kultgegenständen, Heiligtümern  und Riten, lassen auf eine bei allen Völkern  gleiche, also vererbten und schon sehr früh erworbenen Verhaltensweise schließen. Aufgrund dieser Erblast der Evolution fühlen wir uns noch heute von einem höheren Wesen abhängig. Wie alle ererbten Verhaltensweisen, ist die Ausprägung individuell unterschiedlich ("normalverteilt") und wird vom Verstand (für den dies auch gilt) herausgefordert oder unterstützt. Das dies zu schweren inneren Konflikten führen kann, ist nicht nur von Goethes Faust bekannt. Glaube und Vernunft können sich ergänzen oder zu Gegensätzen führen. Aus dem Glauben schöpft der Mensch Kraft (der Glaube versetzt Berge, heißt es in der Bibel), die Vernunft kostet Kraft. Das Glaubensbedürfnis steckt tief in uns, es ist präsent. An der Vernunft muss täglich gearbeitet werden. Aber ohne Wunder (und Märchen) wollen wir auch nicht leben. Die Auseinandersetzung bleibt spannend.

Die Entstehung größerer Völkergemeinschaften und deren Kulturen brachte als nächste Stufe der kulturellen Entwicklung (der Evolution des Geistes) die Religionen der Götter und Mythen hervor. Beeinflußt durch Wissenschaft und Philosophie der griechischen und fernöstlichen Kultur folgte das Zeitalter des Glaubens. Die großen Weltreligionen mit einem Gott, die auch die Welt erklären sollten, entstanden. Dreitausend Jahre alte Mythen sind als Wunder in die Religionen eingeflossen. Bezieht man auch die Stammesreligionen früherer Naturvölker mit ein, so hat es bis heute nach Schätzung von Anthropologen ca. 100 000 Kulte und Religionen gegeben, von denen selbstverständlich jede als richtig und wahr galt. Religiöse Fantasien kennen keine Schranken.
Zur gegenwärtigen Jahrtausendwende gibt es neben ca. 12 großen Weltreligionen noch mindestens 5000 weitere Kulturen der Naturvölker (NATIONAL GEOGRAPHIC, Aug. 1999).

Es gibt in unserem Kulturkreis nur wenige Glaubensgemeinschaften, die Andersdenkenden tolerant gegenüberstehen. Viele halten ihren Glauben für allein seligmachend bzw. heilsbringend, manche werden dabei aggressiv. Auch hier sind wieder von der Evolution hervorgebrachte Prinzipien zu beobachten: Wir wollen nicht nur unsere Gene weitergeben, auch unsere Gedanken und Überzeugungen.

Weil dies ein Prozeß der Weiterentwicklung war, enthalten die heutigen Religionen auch die Elemente der früheren Stufen. Das sind z. B. kultische Riten, Opfergaben, Mythen und Wunder. (Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, sagt Goethes Faust).  Alle diese Entwicklungsstufen vermischen sich mit den philosophischen und naturwissenschaftlichen Weltbildern der Gegenwart, die die nächste Stufe in dieser Entwicklung darstellen. Esoterische Weltbilder sind eine typische Mixtur, unterstützt von einer starken Glaubenskomponente. Die Vorliebe für Mythen, Legenden und Märchen und auch der Umgang mit Göttern, Geistern und Dämonen ist uns bis heute erhalten. Religionen mit anspruchsvollen philosophischen Elementen, wie wir sie in Teilen des Buddhismus und des Taoismus finden, konnten sich sich nur schwer oder gar nicht durchsetzen.

Das Bedürfnis, an etwas glauben zu können, sich einen seelischen Halt und Schutz zu suchen und sich nicht nur daran festzuhalten sondern in bestimmten Situationen auch daran zu klammern, ist mit der Entwicklung des Selbstbewusstseins einhergegangen. Wie stark dieses Verhalten bei uns immer noch ausgeprägt ist (tief in uns verankert) können wir  beobachten, wenn Sekten mit abenteuerlichen  Zielvorstellungen, die bis zum Massenmord oder kollektiven Selbstmord führen, durch ihren Religionswahn Schlagzeilen machen. Es ist ein Irrtum, wenn man glaubt, es hier nur mit Geisteskranken zu tun zu haben. Mit dabei sind auch Menschen wie Sie und ich.
Hat man sich in einem religiösen Weltbild verfangen, so wird dies, weil überlebenswichtig,  durch Abwehrmechanismen gesichert. Bei fundamentalistischen Anhängern religiöser Weltbilder (z.B. bei den Kreationisten) äußert sich dies durch aggressive Ablehnung der konkurrierenden Religionen, früher durch Krieg, heute durch verbale Abwehrschlachten ausgetragen. Zum Feindbild werden mehr und mehr die Naturwissenschaften. Bei weniger radikalen Anhängern beobachten wir häufig ein verzweifeltes Nichtzurkenntnisnehmen der konkurrierenden Vorstellungen, also zum Beispiel der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung. Wir müssen uns darüber nicht wundern - es ist systemimmanent.

Religionsphilosophie kann auch eine Alternative für die Menschen sein, die z. B. wegen eines schweren Schicksals einer besonderen Orientierung, eines seelischen Halts, bedürfen. Die Professoren Tatjana und Leonid Sytenko geben dazu ein Beispiel: " Seitdem erlernten wir die Kunst, unser Leben als eine Reihenfolge von großen und kleinen Wundern zu betrachten. Wir mußten es einfach als Wunder erklären, als wir 1987 nach Deutschland ausreisen konnten, als wir im Allgäu eine zweite Heimat gefunden und dort Heilung von unseren psychischen und physischen Erkrankungen erfahren haben. Und wiederum war es ein Wunder, daß wir uns mit den paar Brocken Deutsch, die wir früher gelernt hatten, so gut zurechtfinden und später sogar in dieser Sprache Vorlesungen halten konnten. Dabei hat wohl die himmlische Existenz Wladimir Solowjows etwas von der magischen Kraft seines Herzens auf uns übertragen." (Beide haben inzwischen ein Buch über den russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjow - s. Literaturverzeichnis - herausgegeben.)

Dass Religionen bis heute auch missbraucht werden, liegt an einer anderen Verhaltensweise der Menschen und hat mit dem Glaubensbedürfnis primär nichts zu tun. Hier wird dieses Bedürfnis von charismatischen Führern, dem die Menschen  folgen, wissentlich ausgenutzt. Heilige Kriege sind keine Erscheinung der Vergangenheit. Religionen, auf deren praktische Umsetzung die Menschen nicht gerade stolz sein können, sind uns allen bekannt. Auf dieses traurige Thema soll hier nicht eingegangen werden, darüber ist schon ausführlich geschrieben worden. Immerhin ist der Papst gerade dabei (Stand: Ende 1998) einem Bedauern zu den früheren, im Namen des Christentums begangenen Greueltaten Ausdruck zu verleihen. (Es wird sicher keine goldene Bulle werden, aber in der Verkündigungsbulle des großen Jubiläums des Jahres 2000 (externe Adresse) vom 29.11.1998 ist darin nicht viel zu lesen.
Aus einer ganz anderen Perspektive würdigt der SPIEGEL Nr.21/1999 das 2000 - jährige Jubiläum mit dem Titel: Was bleibt von Jesus Christus?
Man kann aber auch danach fragen, was aus dem organisierten Christentum geworden wäre, wenn es nicht über eineinhalb Jahrtausende mit blutiger Gewalt aufrechterhalten und verbreitet worden wäre. Was den gegenwärtigen Papst nicht davon abhielt, auf seiner Reise nach Indien (11/99) zur Verbreitung des christlichen Glaubens in Asien aufzufordern, obwohl dort sehr viel friedlichere und philosophisch anspruchsvollere Religionen praktiziert werden.

Immer mehr Menschen des christlichen Kulturkreises wenden sich aufgrund solcher Negativeindrücke auch fernöstlichen Religionen zu, wo eher philosophische und friedliche Elemente zu finden sind, die den Gläubigen unmittelbar ansprechen. Die Vorstellung, dass das Übermächtige nur in uns selbst zu finden ist, erscheint mehr und mehr Menschen plausibel.
Andere setzen den christlichen Glauben außerhalb der Kirche um.

Im Gegenzug muss nach solcher Kritik aber auch das kraftvolle künstlerische Schaffen in den vergangenen Jahrhunderten erwähnt werden, deren Zeugnisse uns noch heute in den bildenden Künsten und in der Musik begegnen. Dazu passt wieder ein  Wort von Goethe: Die Menschen sind nur solange produktiv in Poesie und Kunst, als sie noch religiös sind; dann werden sie bloß nachahmend und wiederholend. Dies wird sehr deutlich, wenn man z.B. Gospel-Gesang mit Schlagern vergleicht.
Das  künstlerische Schaffen aus religiöser Motivation heraus geht ebenfalls auf  Elemente aus der Urzeit der Menschheit zurück. Rituelle Tänze, Gesang, rhythmische Geräusche und Worte, sowie das Anfertigen von Bildern und Figuren sind in allen frühen Religionen der Naturvölker zu beobachten. Es sind Ausdrucksmittel im Dialog mit dem Heiligen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass unsere generelle Neigung und Begabung für Musik, Tanz und darstellender Kunst von der Evolution für diesen Zweck (s. erster Abschnitt, oben), angelegt wurde. Vieles deutet darauf hin, dass dies schon vor der Ausprägung des Sprachvermögens begann. Die Nutzung von Tönen zur Verständigung ist entwicklungsgeschichtlich älter als die Verständigung durch Sprache. Auch hier konnte vermutlich auf bereits entwickelten Merkmalen aufgebaut werden. In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass unser Kehlkopf einen weitaus größeren Tonumfang abdeckt, als es zur Erzeugung von Sprache erforderlich wäre. Zur entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung der Tonverarbeitung bzw. des Musikempfindens wurden schon viele Thesen aufgestellt, so dass es auf eine mehr oder weniger nicht ankommt. Die Reservierung bestimmter Gehirnregionen für diese Prozesse deutet auf überlebenswichtige Eigenschaften hin. Folgt man dieser These, so können wir die uns angeborene Religiosität auch ganz individuell ausleben, ohne uns dessen bewusst zu werden, d.h., ohne eine der bekannten Religionen zu praktizieren. Dazu passen auch die folgenden Zitate von Johann Wolfgang v. Goethe: Religion, Kunst und Wissenschaft befriedigen das dreifache Bedürfnis des Menschen, anzubeten, hervorzubringen, zu schauen; alle drei sind eins, zuAnfang und Ende, wenngleich in der Mitte immer getrennt.
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion; wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.

Dass die Menschen (wir Menschen!) alle unsere Fähigkeiten und Verhaltensweisen immer zum Guten und zum Schlechten einsetzten, ist bekannt. Einhalt bieten kann nur die Vernunft (der gesunde Menschenverstand), eine Fähigkeit an der die Menschheit noch arbeiten muss. Es bleibt zu hoffen, dass uns die weitere Evolution dorthin bringen wird. Aber wenn wir nur darauf warten, wird es noch sehr lange dauern. Nach allem , was wir über die Mechanismen der biologischen Evolution wissen, wird für diesen nächsten Schritt sicher ein Zeitraum von mehr als 10000 Jahren erforderlich sein. Darauf sollten wir nicht warten:

Es gibt viel zu tun, packen wir's an!
Verfasst: 1998/99 Akt: 30.01.2003
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