Die perfekten Systeme der Natur

Über die Perfektion der von der Natur entwickelten Systeme kann man nur staunen. Ingenieure entdecken manchmal erst nach jahrzehntelanger Weiterentwicklung (d.h. Verbesserung) eines Systems, dass die Natur vergleichbares längst zur Perfektion entwickelt hat (s. "Die Natur ist das größte Patentamt der Welt") . Nicht nur die Winglets, die Haifischhaut, die Lotusblüte oder das Strömungsprofil des Pinguins, es sind vor allem die komplexen Organe und deren Zusammenspiel als System, aber auch die Verwendung komplizierter Verfahren - wie z.B. das der Holografie - die wir irgendwann entdeckt haben. Aber der Mensch hat inzwischen gelernt, die von der Natur entwickelten Lösungen zu untersuchen und zu verwerten. "Abgucken" hieß das in der Schule, hier handelt es sich aber um eine moderne Forschungsdisziplin: Bionik.
Kehrt man diese Betrachtungsreihenfolge um, so kann man zu erstaunlichen Ergebnissen kommen: Man stelle sich die Aufgabe vor, ein System MENSCH entwickeln zu wollen. Schon bei einem ersten Systementwurf, wird man dieses komplexe System mit den Mechanismen ausstatten, die auch ein durchschnittlich begabter Ingenieur nicht vergessen würde. Das sind z.B. Diagnose- und Reparaturmöglichkeiten durch das System selbst. Klar ausgedrückt: Die Möglichkeit zur Selbstheilung. Anzunehmen, dass die Natur ausgerechnet dieses Leistungsmerkmal eines komplexen Systems vergessen hätte, widerspräche der Logik. (Dies ist nur ein Beispiel für weitere mögliche Schlüsse.)

Die Perfektion der Natur betrifft nicht nur das Entwicklungsergebnis, auch das Verfahren. Aber hier ist ausnahmsweise der denkende Mensch der Natur voraus. Neu entwickelte technische Systeme werden in relativ einfacher Ausführung auf den Markt gebracht. Das Neue zählt. Hier konkurriert das Produkt mit denen anderer Hersteller, es kämpft ums Überleben. Das qualitativ beste, also das geeignetste Produkt, wird sich vermehren (wird häufiger gekauft) und am Markt durchsetzen. Dementsprechend werden mehr Mittel zur Weiterentwicklung des Produktes, also auch zur Verbesserung des Systems, aufgewendet. Weniger geignete, konkurrierende Produkte sterben aus. Die Anzahl der Kundenreklamationen weist den Weg. Und hier ist die Natur benachteiligt: Änderungen am Produkt können nicht gezielt eingeführt werden, es reift im Einsatz. (Bei schlechten Industrieprodukten spricht man von der Bananenreife). Daher braucht die Natur Milliarden und Millionen Jahre für die Entwicklungen ihrer Systeme. Diversifikation ist Prinzip.

Notlösungen. Die Evolution hat auch Notlösungen verwenden müssen. Weil das Ziel nicht vorgegeben war (der Weg war das Ziel), gab es auch unvorhergesehene Probleme. Ein Beispiel für eine Notlösung ist die Kreuzung von Luft- und Speiseröhre, die schon vielen Menschen zum Verhängnis wurde.
Es werden auch nicht neue Lösungen um jeden Preis entwickelt, es kann auch auf bereits vorhandene Strukturen zurückgegriffen werden. Dies ist ebenfalls bei der Evolution des Geistes (der Kulturen) zu beobachten. Nicht selten erlebt eine bereits vergangene Epoche eine Renaissance, die zu einer neuen "Blüte" führen kann.

In diesem Zusammenhang sollte noch einmal das KI-Thema beleuchtet werden:
Viele Menschen, auch namhafte Wissenschaftler halten es für unmöglich, dass das System Mensch einst durch intelligente Maschinen übertroffen werden könnte (Aber auch die Raumfahrt wurde bis kurz vor Beginn von einigen Experten für unmöglich gehalten). Diese, für uns Menschen typischen Denkblockaden werden gerne als Paradigmen bezeichnet. Selbstverständlich ist die heutige Rechnertechnologie dafür nicht geeignet. Erst vor einem halben Jahrhundert erfunden, entspricht sie Pfeil und Bogen im Vergleich zum Faustkeil. Für eine weiterentwickelte Technologie, die im Vergleich mit Pfeil und Bogen der Technik eines Space Shuttle entspricht, werden die Menschen weder zehn-, noch fünf- noch eintausend Jahre benötigen. Die Skala der erreichbaren Komplexität ist nach oben offen. 


Akt: 07.04.2001
Zurück zur vorigen Seite <=====>Zurück zur Hauptseite