Glaube kann ...
Die Evolution hat uns mit Verhaltensweisen ausgestattet, die in früheren Epochen der Menschwerdung dringend gebraucht wurden. Einige davon könnten oder sollten heute aber durch den rationalen Verstand ersetzt oder ergänzt werden. Dazu gehört nicht nur die angeborene Rücksichtslosigkeit, auch die angeborene Religiosität. Im Falle der Rücksichtslosigkeit wäre ein "sollte" angebracht, bei der Religiosität ist ein "könnte" realistischer.
Religionen bieten Modelle zur Beantwortung der Frage nach dem "Warum" - hier braucht der sensible Mensch eine verbindliche Antwort, die keine Fragen offen lässt. Kleinkinder fragen pausenlos "warum", also steckt diese Frage tief in uns. Naturwissenschaften beantworten in erster Linie die Frage nach dem "Wie" - aber das interessiert nur wenige Menschen, zumal die Antworten manchmal sehr kompliziert - und zur Bewältigung des Alltags nicht erforderlich sind.
Zur Frage nach dem "Warum" können die Wissenschaften (noch) keine verbindliche Antwort geben, wohl aber eine Auswahl von philosophischen Denkmodellen bieten. Aber auch das ist völlig unverbindlich. Erst der Glaube macht eine Betrachtungsweise zur Wahrheit und damit alle anderen zur Unwahrheit.
Eine mögliche Antwort der Naturwissenschaften auf die Frage nach dem "Warum" steht in krassem Gegensatz zu allen bisher vermittelten Perspektiven und wird daher von den religiös geprägten Menschen meistens abgelehnt, obwohl die Erklärung viel einfacher wäre. Sie passt aber nicht so recht zu dem, was der Mensch in seinem Verständnis der Welt unter den Begriffen Geist und Seele versteht (noch einmal aus Goethes Faust: "Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!").
Möglicherweise ist die Frage nach einem Warum gegenstandslos, d.h., es gäbe gar kein Warum. Aber bei diesem Gedanken wird der Mensch verunsichert. Es mangelt aber nicht an wunderbaren Antworten.
Im Kapitel über religiöse Weltbilder wurde über die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung der Religiosität für den Menschen geschrieben. Das Bedürfnis nach einem Dialog mit dem Heiligen hat uns mit dafür geeigneten Fähigkeiten ausgestattet. Diese Fähigkeiten benutzen wir heute, ohne uns dieser entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung bewusst zu werden.

In diesem Kapitel soll nun eine weitere These zur entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung des Glaubens gewagt werden. Wir kennen alle den Spruch: Glaube versetzt Berge. Wir haben auch von Erfahrungen gehört, die dem Gebet die erwünschten Wirkungen zusprechen. Auch wenn viele solcher "Erfahrungen" eher der Einbildung zuzuschreiben sind, sind Fälle zu beobachten, bei denen Gebete wohl doch "erhört" wurden. Aber von wem?
Es wird immer wieder die Ansicht verbreitet, dass wir unser Gehirn nur zu einem geringen Prozentsatz (z.B. 5-10%) nutzen. Von den Möglichkeiten der restlichen 90%  werden dann wunderbare Thesen abgeleitet. Aber auch die restlichen 90% haben Vollbeschäftigung (was ja in dem 10%-Bereich nicht immer beobachtet werden kann): Sie sind mit der Steuerung der Körperfunktionen und aller anderen unbewußt ablaufenden Vorgänge beschäftigt, so wie dies bei jedem höheren Säugetier (z.B. bei der Katze Mimi auf der Übersichtsseite) der Fall ist.
Nun zu unseren 5-10%: Schreiben wir diesem Bereich das bewusste Denken zu, so können wir die restlichen 90% des Gehirns nicht wahrnehmen. Dem Bewusstsein musste hier eine Zugriffssperre errichtet werden. Tatsächlich aber kommunizieren alle Teile des Gehirns miteinander.
Denken wir an die Trennung der Systemsoftware von der Anwendersoftware auf unserem Rechner.
90% sind Systemsoftware, die der Laie nicht verändern kann. Wohl aber kann dieser eine Anwendersoftware (oder nur einen Text) schreiben, wobei intensiv mit den Funktionen der Systemsoftware kommuniziert wird - was aber der Anwender nicht direkt wahrnehmen kann. Er kann aber darüber wissen. Würde der Anwender uneingeschränkt Zugriff zur Systemsoftware haben - deren Komplexität für ihn unüberschaubar ist - hätte es das System in kurzer Zeit unreparierbar zerstört.
Die Möglichkeit, den unbewussten Teil unseres Gehirnes zu programmieren, kann an folgenden Beispielen veranschaulicht werden. Wenn unsere Kleinen das Gehen  - und etwas später das Radfahren erlernen, wird deutlich, dass immer wieder trainierte Bewegungsabläufe schließlich unbewusst, d.h. reflexartig, gesteuert werden. Wer einen Selbstverteidigungssport erlernt, wird zunächst monatelang immer wieder die gleichen Übungen ausführen, bis auch diese Bewegungen unbewusst, d.h. reflexartig ausgeführt werden. Und das macht den entscheidenden Zeitvorteil bei der Abwehr eines Angriffs aus. Derartig trainiert, wird man unbewußt eine blitzschnelle Abwehrbewegung einleiten, wenn der Sitznachbar sich nur vor Freude auf die eigenen Schenkel klopfen möchte. Die bewusste Wahrnehmung und das Einleiten entsprechender Denkvorgänge wird kurzgeschlossen. Wir würden zwar dann keine überflüssige Bewegung einleiten, aber im Erstfall kämen wir zu spät. Noch ein Beispiel: Sie haben sicher schon einen mit absoluter Sicherheit operierenden Jogleur bewundert. Kein Problem, können Sie auch. Üben Sie einfach jeden Tag mindestens eine Stunde. Nach einigen Monaten werden sich Erfolge einstellen, nach einigen Jahren können Sie damit vielleicht schon Geld verdienen. Das Geheimnis liegt auch hier in der unbewussten, reflexartigen Steuerung der Beqwegungsabläufe.
Dem gleichen Prinzip folgen die Übungen (das Training) zur autogenen Entspannung und Autosuggestion, Selbsthypnose. Erst nach monatelangem Üben wird sich ein Erfolg einstellen. Aber Vorsicht: Wir trainieren hier nicht Bewegungsabläufe, sondern wollen auf Körperfunktionen Einfluss nehmen. Wer sich erstmals auf diese Gebiet wagen möchte, sollte sich daher einer sachkundigen Führung bedienen. Man bewegt sich auf gefährlichem Terrain.
Grundsätzlich sind diese Methoden von jedem erlernbar, aber die Befähigung dazu ist auch wieder normalverteilt. D.h., bei einigen Menschen werden sich erste Erfolge bald einstellen, die meisten aber werden ungeduldig aufgeben. In den asiatischen Kulturen, in denen die westliche Ungeduld eher fremd ist, sind diese Methoden mehr verbreitet.
Der Autor Dr. Joseph Murphy weist in seinem Buch Die Macht des Unterbewusstseins darauf hin, dass diese Übungen nur dann Aussicht auf Erfolg haben können, wenn man sich diesen zweifelsfrei bedient. Wer sich also hinsetzt und im Verborgenen den Zweifel an diesem Weg behält (mal sehen, ob das wirklich funktioniert, glaub' ich eigentlich nicht, ...), hat schon verloren.
Der intellektuelle Ansatz des hier beschriebenen Wegs macht diesen zur Nischenlösung, er ist für eine breite Anwendung nicht geeignet.
Spätestens bei dem Stichwort "zweifelsfrei" sollten wir uns wieder dem Mechanismus des Glaubens zuwenden. Hier ist ja Zweifelsfreiheit zum Prinzip geworden. Wer also statt der bei den vorgenannten Methoden üblichen Beschwörungsformeln durch Gebete ersetzt, kommt möglicherweise schneller zum Ziel. Eine wichtige Voraussetzung, die Zweifelsfreiheit, ist bei den Religionen systemimmanent. Ebenso das ständige Üben, das Training: In den Religionen ist vorgesehen, mindesten einmal täglich zu beten, in einer besinnlichen Umgebung, gestützt durch Rituale, eingebettet in die für den Dialog mit dem Heiligen entwickelten Ausdrucksformen (Musik, Rhythmen, Gesang). Hilfsmittel (Gebetsketten) sorgen für häufige Wiederholung der Gebete.
Wer also mit solcher Intensität "Herr, mach, dass ich wieder gehen kann" betet, kann durchaus Erfolg haben. Natürlich haben solche "Wunder" ihre Grenzen, sie kommen an manchen biologischen Tatsachen auch nicht vorbei. Heilungsprozesse können aber unterstützt, bzw. eingeleitet werden.
Dass der "Herr" nicht im Himmel, sondern im Inneren des Menschen wohnt, ist bei diesem Weg nebensächlich - Hauptsache, er hört uns.
Der bekannte Placebo-Effekt folgt ebenfalls diesem Mechanismus. Bzgl. der Wirkung muss aber auch hier zwischen Einbildung und Realität unterschieden werden.
Vielen Menschen erscheinen solche Thesen als sehr weit hergeholt. Das sind sie auch, denn es handelt sich vermutlich um Jahrtausende altes Wissen, das in unserer "fortschrittlichen" Kultur durch die Ritzen gefallen ist.

Akt: 28.05.2001
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