Die Bibel und das Kapital

Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, hatte ich das Glück, nicht in eine Religion hineingeboren zu werden. Beide Elternteile hatten naturwissenschaftliche Fächer studiert. In meiner Akte fand sich statt des Vermerks "kath." oder "evang." der Begriff "gottgläubig", ein Relikt aus dem dritten Reich. Der sogenannte "Liebe Gott" war durchaus kein Tabu, es muss sich aber um einen anderen als den Alt-testamtarischen gehandelt haben.

Die meisten meiner Schulkameraden besuchten den evangelischen Religionsunterricht, sodass ich auch Bruchstücke des christlich-religiösen Lehrmaterials vermittelt bekam. Ich erinnere mich, dass sich mir die Inhalte des Religionsunterrichts ziemlich düster, unheimlich und bedrohlich darstellten. Ich hörte von Sünden und Strafen und war froh, damit nichts zu tun haben zu müssen. Besonders unheimlich waren mir daher Gebete, auch weil es sich ganz offensichtlich um angeordnete Maßnahmen zu handeln schien. Es erschien mir schon als Kind als abwegig, mich als Sünder fühlen zu müssen und es gelang mir auch nicht, mich vor der Hölle zu fürchten. (Im Keller schon eher). Und warum eine sogenannte Gotteslästerung so ziemlich das Schlimmste sein sollte, ist mir erst viel später klar geworden.
Ich glaubte nun fast zwei drittel (hochgerechnet) meines Lebens ein Defizit gegenüber meinen Mitmenschen zu haben, weil ich nie in der Bibel gelesen hatte. Ich habe dies nun auf meine alten Tage nachgeholt und weiß jetzt, dass meine Sorge unbegründet war. Nur sehr wenig Menschen scheinen die Bibel wirklich zu kennen.

Was hat nun die Bibel mit dem Kapital zu tun?

Eine kurze Antwort wäre: Beide nicht gelesen zu haben, würde die Lebensqualität nicht messbar beeinträchtigen.

Wird überarbeitet

Und auch in diesem Fall arbeitete ich auf meine alten Tage ein Defizit auf - ich begann bei Karl Marx nachzulesen und entdeckte mehr und mehr Parallelen:

In beiden Ideologien werden Feindbilder kultiviert und mit diskriminierenden Begriffen unterlegt: Hier Atheist und Heide, dort Kapitalist. In beiden Fällen wollte man den Feind vernichten, was aber nur in einem Fall gelang. Und oft waren die Menschen auf der anderen Seite sehr viel besser dran, was natürlich nicht sein durfte. In einem Fall moralisch, im anderen Fall wirtschaftlich überlegen.

Beide Systeme ließen sich nur durch Gewaltherrschaften realisieren, weil ganz offensichtlich die reine Lehre an der Natur des Menschen vorbeigedacht war, bzw. sich jeweils auf eine längst vergangene Epoche bezog. Vielleicht auch deshalb, weil Konzepte zur Umsetzung in beiden Fällen nicht mitüberliefert waren. Gehorsam, hier durch Gottesfurcht und Angst vor dessen vermeintlicher Strafen, dort durch die Furcht vor dem Staatsapparat erzwungen.  Hier die Priesterschaft, dort der Stasi. Hier die Hölle, dort ein Straflager. Auch die Strafen waren fast austauschbar: In einem Fall endeten (laut) Andersdenkende auf dem Scheiterhaufen, im anderen Fall verschwanden sie in Bautzen oder spurlos.

 Akt: 11.10.1999
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