Friedrich Nietzsche:
Der Antichrist
Nachgelassene Schriften (August 1888-Anfang Januar 1889) Fluch auf das
Christenthum.
Vorwort.
Dies Buch gehört den Wenigsten. Vielleicht lebt selbst noch Keiner
von ihnen. Es mögen die sein, welche meinen Zarathustra verstehn:
wie dürfte ich mich mit denen verwechseln, für welche heute schon
Ohren wachsen? - Erst das übermorgen gehört mir. Einige werden
posthu<m> geboren.
Die Bedingungen, unter denen man mich versteht und dann mit Nothwendigkeit
versteht <, -> ich kenne sie nur zu genau. Man muss rechtschaffen sein
in geistigen Dingen bis zur Härte, um auch nur meinen Ernst, meine
Leidenschaft auszuhalten. Man muss geübt sein, auf Bergen zu leben
- das erbärmliche Zeitgeschwätz von Politik und Völker-Selbstsucht
unter sich zu sehn. Man muss gleichgültig geworden sein, man muss
nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie Einem Verhängniss wird
... Eine Vorliebe der Stärke für Fragen, zu denen Niemand heute
den Muth hat; der Muth zum Verbotenen ; die Vorherbestimmung zum Labyrinth.
Eine Erfahrung aus sieben Einsamkeiten. Neue Ohren für neue Musik.
Neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen für bisher stumm
gebliebene Wahrheiten. Und der Wille zur Ökonomie grossen Stils: seine
Kraft, seine Begeisterung beisammen behalten ... Die Ehrfurcht vor sich;
die Liebe zu sich; die unbedingte Freiheit gegen sich ...
Wohlan! Das allein sind meine Leser, meine rechten Leser, meine vorherbestimmten
Leser: was liegt am Rest? – Der Rest ist bloss die Menschheit. - Man muss
der Menschheit überlegen sein durch Kraft, durch Höhe der Seele,
- durch Verachtung ...
Friedrich Nietzsche.
1.
- Sehen wir uns ins Gesicht. Wir sind Hyperboreer, - wir wissen gut genug,
wie abseits wir leben. "Weder zu Lande, noch zu Wasser wirst du den Weg
zu den Hyperboreern finden": das hat schon Pindar von uns gewusst. Jenseits
des Nordens, des Eises, des Todes - unser Leben, unser Glück ... Wir
haben das Glück entdeckt, wir wissen den Weg, wir fanden den Ausgang
aus ganzen Jahrtausenden des Labyrinths. Wer fand ihn sonst? - Der moderne
Mensch etwa? "Ich weiss nicht aus, noch ein; ich bin Alles, was nicht aus
noch ein weiss" - seufzt der moderne Mensch ... An dieser Modernität
waren wir krank, - am faulen Frieden, am feigen Compromiss, an der ganzen
tugendhaften Unsauberkeit des modernen ja und Nein. Diese Toleranz und
largeur des Herzens, die Alles "verzeiht", weil sie Alles "begreift", ist
Scirocco für uns. Lieber im Eise leben als unter modernen Tugenden
und andren Südwinden! ... Wir waren tapfer genug, wir schonten weder
uns, noch Andere: aber wir wussten lange nicht, wohin mit unsrer Tapferkeit.
Wir wurden düster, man hiess uns Fatalisten. Unser Fatum - das war
die Fülle, die Spannung, die Stauung der Kräfte. Wir dürsteten
nach Blitz und Thaten, wir blieben am fernsten vom Glück der Schwächlinge,
von der "Ergebung" ... Ein Gewitter war in unsrer Luft, die Natur, die
wir sind, verfinsterte sich - denn wir hatten keinen Weg. Formel unsres
Glücks: ein ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel ...
2.
Was ist gut? - Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht,
die Macht selbst im Menschen erhöht.
Was ist schlecht? - Alles, was aus der Schwäche stammt.
Was ist Glück? - Das Gefühl davon, dass die Macht wächst,
dass ein Widerstand überwunden wird.
Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Friede überhaupt,
sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile,
virtù, moralinfreie Tugend)
Die Schwachen und Missrathnen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unsrer
Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.
Was ist schädlicher als irgend ein Laster? - Das Mitleiden der
That mit allen Missrathnen und Schwachen - das Christenthum ...
3.
Nicht, was die Menschheit ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen,
ist das Problem, das ich hiermit stelle (- der Mensch ist ein Ende -):
sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den
höherwerthigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren.
Dieser höherwerthigere Typus ist oft genug schon dagewesen: aber
als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr
ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das
Furchtbare; - und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt,
gezüchtet, erreicht: das Hausthier, das Heerdenthier, das kranke Thier
Mensch, - der
Christ ...
4.
Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren
oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der
"Fortschritt" ist bloss eine moderne Idee, das heisst eine falsche Idee.
Der Europäer von Heute bleibt, in seinem Werthe tief unter dem Europäer
der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgend welcher
Nothwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.
In einem andren Sinne giebt es ein fortwährendes Gelingen einzelner
Fälle an den verschiedensten Stellen der Erde und aus den verschiedensten
Culturen heraus, mit denen in der That sich ein höherer Typus darstellt:
Etwas, das im Verhältniss zur Gesammt-Menschheit eine Art Übermensch
ist. Solche Glücksfälle des grossen Gelingens waren immer möglich
und werden vielleicht immer möglich sein. Und selbst ganze Geschlechter,
Stämme, Völker können unter Umständen einen solchen
Treffer darstellen.
5.
Man soll das Christenthum nicht schmücken und herausputzen: es hat
einen Todkrieg gegen diesen höheren Typus Mensch gemacht, es hat alle
Grundinstinkte dieses Typus in Bann gethan, es hat aus diesen Instinkten
das Böse, den Bösen herausdestillirt, - der starke Mensch als
der typisch Verwerfliche, der "verworfene Mensch". Das Christenthum hat
die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Missrathnen genommen, es hat ein
Ideal aus dem Widerspruch gegen die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens
gemacht; es hat die Vernunft selbst der geistigstärksten Naturen verdorben,
indem es die obersten Werthe der Geistigkeit als sündhaft, als irreführend,
als Versuchungen empfinden lehrte. Das jammervollste Beispiel - die Verderbniss
Pascals, der an die Verderbniss seiner Vernunft durch die Erbsünde
glaubte, während sie nur durch sein Christenthum verdorben war! -
6.
Es ist ein schmerzliches, ein schauerliches Schauspiel, das mir aufgegangen
ist: ich zog den Vorhang weg von der Verdorbenheit des Menschen. Dies Wort,
in meinem Munde, ist wenigstens gegen Einen Verdacht geschützt: dass
es eine moralische Anklage des Menschen enthält. Es ist - ich möchte
es nochmals unterstreichen - moralinfrei gemeint: und dies bis zu dem Grade,
dass jene Verdorbenheit gerade dort von mir am stärksten empfunden
wird, wo man bisher am bewusstesten zur "Tugend", zur "Göttlichkeit"
aspirirte. Ich verstehe Verdorbenheit, man erräth es bereits, im Sinne
von décadence: meine Behauptung ist, dass alle Werthe, in denen
jetzt die Menschheit ihre oberste Wünschbarkeit zusammenfasst, décadence
- Werthe sind.
Ich nenne ein Thier, eine Gattung, ein Individuum verdorben, wenn es
seine Instinkte verliert, wenn es wählt, wenn es vorzieht, was ihm
nachtheilig ist. Eine Geschichte der "höheren Gefühle", der "Ideale
der Menschheit" - und es ist möglich, dass ich sie erzählen muss
- wäre beinahe auch die Erklärung dafür, weshalb der Mensch
so verdorben ist.
Das Leben selbst gilt mir als Instinkt für Wachsthum, für
Dauer, für Häufung von Kräften, für Macht - wo der
Wille zur Macht fehlt, giebt es Niedergang. Meine Behauptung ist, dass
allen obersten Werthen der Menschheit dieser Wille fehlt, - dass Niedergangs-Werthe,
nihilistische Werthe unter den heiligsten Namen die Herrschaft führen.
7.
Man nennt das Christenthum die Religion des Mitleidens. - Das Mitleiden
steht im Gegensatz zu den tonischen Affekten, welche die Energie des Lebensgefühls
erhöhn: es wirkt depressiv. Man verliert Kraft, wenn man mitleide<t>.
Durch das Mitleiden vermehrt und vervielfältigt sich die Einbusse
an Kraft noch, die an sich schon das Leiden dem Leben br<ingt.> Das
Leiden selbst wird durch das Mitleiden ansteckend; unter Umständen
kann mit ihm eine Gesammt-Einbusse an Leben und Lebens-Energie erreicht
werden, die in einem absurden Verhältniss zum Quantum der Ursache
steht (- der Fall vom Tode des Nazareners) Das ist der erste Gesichtspunkt;
es giebt aber noch einen wichtigeren. Gesetzt, man misst das Mitleiden
nach dem Werthe der Reaktionen, die es hervorzubringen pflegt, so erscheint
sein lebensgefährlicher Charakter in einem noch viel helleren Lichte.
Das Mitleiden kreuzt im Ganzen Grossen das Gesetz der Entwicklung, welches
das Gesetz der Selection ist. Es erhält, was zum Untergange reif ist,
es wehrt sich zu Gunsten der Enterbten und Verurtheilten des Lebens, es
giebt durch die Fülle des Missrathnen aller Art, das es im Leben festhält,
dem Leben selbst einen düsteren und fragwürdigen Aspekt. Man
hat gewagt, das Mitleiden eine Tugend zu nennen (- in jeder vornehmen Moral
gilt es als Schwäche -); man ist weiter gegangen, man hat aus ihm
die Tugend, den Boden und Ursprung aller Tugenden gemacht, - nur freilich,
was man stets im Auge behalten muss<,> vom Gesichtspunkte einer Philosophie
aus, welche nihilistisch war, welche die Verneinung des Lebens auf ihr
Schil<d schr>rieb. Schopenhauer war in seinem Rechte damit: durch das
Mit<leid> wird das Leben verneint, verneinungs-wü<rdiger> gemacht,
- Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus. Nochmals gesagt: dieser depressive
und contagiöse Instinkt kreuzt jene Instinkte, welche auf Erhaltung
und Werth-Erhöhung des Lebens aus sind: er ist ebenso als Multiplikator
des Elends wie als Conservator alles Elenden ein Hauptwerkzeug zur Steigerung
der décadence - Mitleiden überredet zum Nichts! ... Man sagt
nicht "Nichts": man sagt dafür "Jenseits"; oder "Gott"; oder "das
wahre Leben"; oder Nirvana, Erlösung, Seligkeit ... Diese unschuldige
Rhetorik aus dem Reich der religiös-moralischen Idiosynkrasie erscheint
sofort viel weniger unschuldig, wenn man begreift, welche Tendenz hier
den Mantel sublimer Worte um sich schlägt: die lebensfeindliche Tendenz.
Schopenhauer war lebensfeindlich: deshalb wurde ihm das Mitleid zur Tugend
... Aristoteles sah, wie man weiss, im Mitleiden einen krankhaften und
gefährlichen Zustand, dem man gut thäte, hier und da durch ein
Purgativ beizukommen: er verstand die Tragödie als Purgativ. Vom Instinkte
des Lebens aus müsste man in der That nach einem Mittel suchen, einer
solchen krankhaften und gefährlichen Häufung des Mitleides, wie
sie der Fall Schopenhauers (und leider auch unsrer gesammten litterarischen
und artistischen décadence von St. Petersburg bis Paris, von Tolstoi
bis Wagner) darstellt, einen Stich zu versetzen: damit sie platzt ... Nichts
ist ungesunder, inmitten unsrer ungesunden Modernität, als das christliche
Mitleid. Hier Arzt sein, hier unerbittlich sein, hier das Messer führen
- das gehört zu uns, das ist unsre Art Menschenliebe, damit sind wir
Philosophen, wir Hyperboreer! - - -
8.
Es ist nothwendig zu sagen, wen wir als unsern Gegensatz fühlen -
die Theologen und Alles, was Theologen-Blut im Leibe hat - unsre ganze
Philosophie ... Man muss das Verhängniss aus der Nähe gesehn
haben, noch besser, man muss es an sich erlebt, man muss an ihm fast zu
Grunde gegangen sein, um hier keinen Spaass mehr zu verstehn (- die Freigeisterei
unsrer Herrn Naturforscher und Physiologen ist in meinen Augen ein Spaass,-
ihnen fehlt die Leidenschaft in diesen Dingen, das Leiden an ihnen -) jene
Vergiftung reicht viel weiter als man denkt: ich fand den Theologen-Instinkt
des Hochmuths überall wieder, wo man sich heute als "Idealist" fühlt,
- wo man, vermöge einer höheren Abkunft, ein Recht in Anspruch
nimmt, zur Wirklichkeit überlegen und fremd zu blicken ... Der Idealist
hat, ganz wie der Priester, alle grossen Begriffe in der Hand (- und nicht
nur in der Hand!), er spielt sie mit einer wohlwollenden Verachtung gegen
den "Verstand", die "Sinne", die "Ehren", das "Wohlleben", die "Wissenschaft"
aus, er sieht dergleichen unter sich, wie schädigende und verführerische
Kräfte, über den<en> "der Geist" in reiner Für-sich-heit
schwebt: - als ob nicht Demuth, Keuschheit, Armut, Heiligkeit mit Einem
Wort dem Leben bisher unsäglich mehr Schaden gethan hätten als
irgend welche Furchtbarkeiten und Laster ... Der reine Geist ist die reine
Lüge... So lange der Priester noch als eine höhere Art Mensch
gilt, dieser Verneiner, Verleumder, Vergifter des Lebens von Beruf , giebt
es keine Antwort auf die Frage: was ist Wahrheit? Man hat bereits die Wahrheit
auf den Kopf gestellt, wenn der bewusste Advokat des Nichts und der Verneinung
als Vertreter der "Wahrheit" gilt...
9.
Diesem Theologen-Instinkte mache ich den Krieg: ich fand seine Spur überall.
Wer Theologen-Blut im Leibe hat, steht von vornherein zu allen Dingen schief
und unehrlich. Das Pathos, das sich daraus entwickelt, heisst sich Glaube:
das Auge Ein-für-alle Mal vor sich schliessen, um nicht am Aspekt
unheilbarer Falschheit zu leiden. Man macht bei sich eine Moral, eine Tugend,
eine Heiligkeit aus dieser fehlerhaften Optik zu allen Dingen, man knüpft
das gute Gewissen an das Falsch-sehen, - man fordert, dass keine andre
Art Optik mehr Werth haben dürfe, nachdem man die eigne mit den Namen
"Gott" "Erlösung" "Ewigkeit" sakrosankt gemacht hat. Ich grub den
Theologen-Instinkt noch überall aus: er ist die verbreitetste, die
eigentlich unterirdische Form der Falschheit, die es auf Erden giebt. Was
ein Theologe als wahr empfindet, das muss falsch sein: man hat daran beinahe
ein Kriterium der Wahrheit. Es ist sein unterster Selbsterhaltungs-Instinkt,
der verbietet, dass die Realität in irgend einem Punkte zu Ehren oder
auch nur zu Worte käme. So weit der Theologen-Einfluss reicht, ist
das Werth-Urtheil auf den Kopf gestellt, sind die Begriffe "wahr" und "falsch"
nothwendig umgekehrt: was dem Leben am schädlichsten ist, das heisst
hier "wahr", was es hebt, steigert, bejaht, rechtfertigt und triumphiren
macht, das heisst "falsch" ... Kommt es vor, dass Theologen durch das "Gewissen"
der Fürsten (oder der Völker -) hindurch nach der Macht die Hand
ausstrecken, zweifeln wir nicht, was jedes Mal im Grunde sich begiebt:
der Wille zum Ende, der nihilistische Wille will zur Macht ...
10.
Unter Deutschen versteht man sofort, wenn ich sage, dass die Philosophie
durch Theologen-Blut verderbt ist. Der protestantische Pfarrer ist Grossvater
der deutschen Philosophie, der Protestantismus selbst ihr peccatum originale.
Definition des Protestantismus: die halbseitige Lähmung des Christenthums
- und der Vernunft ... Man hat nur das Wort "Tübinger Stift" auszusprechen,
um zu begreifen, was die deutsche Philosophie im Grunde ist - eine hinterlistige
Theologie ... Die Schwaben sind die besten Lügner in Deutschland,
sie lügen unschuldig ... Woher das Frohlocken, das beim Auftreten
Kants durch die deutsche Gelehrtenwelt gieng, die zu drei Viertel aus Pfarrer-
und Lehrer-Söhnen besteht -, woher die deutsche Überzeugung,
die auch heute noch ihr Echo findet, dass mit Kant eine Wendung zum Besseren
beginne? Der Theologen-Instinkt im deutschen Gelehrten errieth, was nunmehr
wieder möglich war ... Ein Schleichweg zum alten Ideal stand offen,
der Begriff "wahre Welt", der Begriff der Moral als Essenz der Welt (-
diese zwei bösartigsten Irrthümer, die es giebt!) waren jetzt
wieder, Dank einer verschmitzt-klugen Skepsis, wenn nicht beweisbar, so
doch nicht mehr widerlegbar ... Die Vernunft, das Recht der Vernunft reicht
nicht so weit ... Man hatte aus der Realität eine "Scheinbarkeit"
gemacht; man hatte eine vollkommen erlogne Welt, die des Seienden, zur
Realität gemacht ... Der Erfolg Kant's ist bloss ein Theologen-Erfolg:
Kant war, gleich Luther, gleich Leibnitz, ein Hemmschuh mehr in der an
sich nicht taktfesten deutschen Rechtschaffenheit - -
11.
Ein Wort noch gegen Kant als Moralist. Eine Tugend muss unsre Erfindung
sein, unsre persönlichste Nothwehr und Nothdurft: in jedem andren
Sinne ist sie bloss eine Gefahr. Was nicht unser Leben bedingt, schadet
ihm: eine Tugend bloss aus einem Respekts-Gefühle vor dem Begriff
"Tugend" wie Kant es wollte, ist schädlich. Die "Tugend", die "Pflicht",
das "Gute an sich", das Gute mit dem Charakter der Unpersönlichkeit
und Allgemeingültigkeit - Hirngespinnste, in denen sich der Niedergang,
die letzte Entkräftung des Lebens, das Königsberger Chinesenthum
ausdrückt. Das Umgekehrte wird von den tiefsten Erhaltungs- und Wachsthums-Gesetzen
geboten: dass jeder sich seine Tugend, seinen kategorischen Imperativ erfinde.
Ein Volk geht zu Grunde, wenn es seine Pflicht mit dem Pflichtbegriff überhaupt
verwechselt. Nichts ruinirt tiefer, innerlicher als jede "unpersönliche"
Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion. - Dass man den kategorischen
Imperativ Kant's nicht als lebensgefährlich empfunden hat! ... Der
Theologen-Instinkt allein nahm ihn in Schutz! - Eine Handlung, zu der der
Instinkt des Lebens zwingt, hat in der Lust ihren Beweis, eine rechte Handlung
zu sein: und jener Nihilist mit christlich-dogmatischen Eingeweiden verstand
die Lust als Einwand ... Was zerstört schneller als ohne innere Nothwendigkeit,
ohne eine tief persönliche Wahl, ohne Lustarbeiten, denken, fühlen?
als Automat der "Pflicht"? Es ist geradezu das Recept zur décadence,
selbst zum Idiotismus ... Kant wurde Idiot. - Und das war der Zeitgenosse
Goethes! Dies Verhängniss von Spinne galt als der deutsche Philosoph,
- gilt es noch! ... ich hüte mich zu sagen, was ich von den Deutschen
denke ... Hat Kant nicht in der französischen Revolution den Übergang
aus der unorganischen Form des Staats in die organische gesehn? Hat er
sich nicht gefragt, ob es eine Begebenheit gebt, die gar nicht anders erklärt
werden könne als durch eine moralische Anlage der Menschheit, so dass
mit ihr, Ein-für-alle Mal, die "Tendenz der Menschheit zum Guten"
bewiesen sei? Antwort Kant's: "das ist die Revolution." Der fehlgreifende
Instinkt in Allem und jedem, die Widernatur als Instinkt, die deutsche
décadence als Philosophie - das ist Kant.
12.
Ich nehme ein Paar Skeptiker bei Seite, den anständigen Typus in der
Geschichte der Philosophie: aber der Rest kennt die ersten Forderungen
der intellektuellen Rechtschaffenheit nicht. Sie machen es allesammt wie
die Weiblein, alle diese grossen Schwärmer und Wunderthiere, - sie
halten die "schönen Gefühle" bereits für Argumente, den
"gehobenen Busen" für einen Blasebalg der Gottheit, die Überzeugung
für ein Kriterium der Wahrheit. Zuletzt hat noch Kant, in "deutscher"
Unschuld, diese Form der Corruption, diesen Mangel an intellektuellem Gewissen
unter dem Begriff "praktische Vernunft" zu verwissenschaftlichen versucht:
er erfand eigens eine Vernunft dafür, in welchem Falle man sich nicht
um die Vernunft zu kümmern habe, nämlich wenn die Moral, wenn
die erhabne Forderung "du sollst" laut wird. Erwägt man, dass fast
bei allen Völkern der Philosoph nur die Weiterentwicklung des priesterlichen
Typus ist, so überrascht dieses Erbstück des Priesters, die Falschmünzerei
vor sich selbst, nicht mehr. Wenn man heilige Aufgaben hat, zum Beispiel
die Menschen zu bessern, zu retten, zu erlösen, wenn man die Gottheit
im Busen trägt, Mundstück jenseitiger Imperative ist, so steht
man mit einer solchen Mission bereits ausserhalb aller bloss verstandesmässigen
Werthungen, - selbst schon geheiligt durch eine solche Aufgabe, selbst
schon der Typus einer höheren Ordnung! ... Was geht einen Priester
die Wissenschaft an! Er steht zu hoch dafür! - Und der Priester hat
bisher geherrscht! Er bestimmte den Begriff "wahr" und "unwahr"! ...
13.
Unterschätzen wir dies nicht: wir selbst, wir freien Geister, sind
bereits eine "Umwerthung aller Werthe", eine leibhafte Kriegs- und Siegs-Erklärung
an alle alten Begriffe von "wahr" und "unwahr". Die werthvollsten Einsichten
werden am spätesten gefunden; aber die werthvollsten Einsichten sind
die Methoden. Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaftlichkeit
haben Jahrtausende lang die tiefste Verachtung gegen sich gehabt, auf sie
hin war man aus dem Verkehre mit "honnetten" Menschen ausgeschlossen, -
man galt als "Feind Gottes", als Verächter der Wahrheit, als "Besessener".
Als wissenschaftlicher Charakter war man Tschandala ... Wir haben das ganze
Pathos der Menschheit gegen uns gehabt - ihren Begriff von dem, was Wahrheit
sein soll, was der Dienst der Wahrheit sein soll: jedes "du sollst" war
bisher gegen uns gerichtet ... Unsre Objekte, unsre Praktiken, unsre stille
vorsichtige misstrauische Art - Alles schien ihr vollkommen unwürdig
und verächtlich. - Zuletzt dürfte man, mit einiger Billigkeit,
sich fragen, ob es nicht eigentlich ein ästhetischer Geschmack war,
was die Menschheit in so langer Blindheit gehalten hat: sie verlangte von
der Wahrheit einen pittoresken Effekt, sie verlangte insgleichen vom Erkennenden,
dass er stark auf die Sinne wirke. Unsre Bescheidenheit gieng ihr am längsten
wider den Geschmack ... Oh wie sie das erriethen, diese Truthähne
Gottes - -
14.
Wir haben umgelernt. Wir sind in allen Stücken bescheidner geworden.
Wir leiten den Menschen nicht mehr vom "Geist", von der "Gottheit" ab,
wir haben ihn unter die Thiere zurückgestellt. Er gilt uns als das
stärkste Thier, weil er das listigste ist: eine Folge davon ist seine
Geistigkeit. Wir wehren uns anderseits gegen eine Eitelkeit, die auch hier
wieder laut werden möchte: wie als ob der Mensch die grosse Hinterabsicht
der thierischen Entwicklung gewesen sei. Er ist durchaus keine Krone der
Schöpfung, jedes Wesen ist, neben ihm, auf einer gleichen Stufe der
Vollkommenheit ... Und indem wir das behaupten, behaupten wir noch zuviel:
der Mensch ist, relativ genommen, das missrathenste Thier, das krankhafteste,
das von seinen Instinkten am gefährlichste<n> abgeirrte - freilich,
mit alle dem, auch das interessanteste! - Was die Thiere betrifft, so hat
zuerst Descartes, mit verehrungswürdiger Kühnheit, den Gedanken
gewagt, das Thier als machina zu verstehn: unsre ganze Physiologie bemüht
sich um den Beweis dieses Satzes. Auch stellen wir logischer Weise den
Menschen nicht bei Seite, wie noch Descartes that: was überhaupt heute
vom Menschen begriffen ist, geht genau so weit als er machinal begriffen
ist. Ehedem gab man dem Menschen als seine Mitgift aus einer höheren
Ordnung den "freien Willen": heute haben wir ihm selbst den Willen genommen,
in dem Sinne, dass darunter kein Vermögen mehr verstanden werden darf.
Das alte Wort "Wille" dient nur dazu, eine Resultante zu bezeichnen, eine
Art individueller Reaktion, die nothwendig auf eine Menge theils widersprechender,
theils zusammenstimmender Reize folgt: - der Wille "wirkt" nicht mehr,
"bewegt" nicht mehr ... Ehemals sah man im Bewusstsein des Menschen, im
"Geist", den Beweis seiner höheren Abkunft, seiner Göttlichkeit;
um den Menschen zu vollenden, rieth man ihm an, nach der Art der Schildkröte,
die Sinne in sich hineinzuziehn, den Verkehr mit dem Irdischen einzustellen,
die sterbliche Hülle abzuthun: dann blieb die Hauptsache von ihm zurück,
der "reine Geist". Wir haben uns auch hierüber besser besonnen: das
Bewusstwerden, der "Geist", gilt uns gerade als Symptom einer relativen
Unvollkommenheit des Organismus, als ein Versuchen, Tasten, Fehlgreifen,
als eine Mühsal, bei der unnöthig viel Nervenkraft verbraucht
wird, - wir leugnen, dass irgend Etwas vollkommen gemacht werden kann,
so lange es noch bewusst gemacht wird. Der "reine Geist" ist eine reine
Dummheit: rechnen wir das Nervensystem und die Sinne ab, die "sterbliche
Hülle", so verrechnen wir uns - weiter nichts! ...
15.
Weder die Moral noch die Religion berührt sich im Christenthume mit
irgend einem Punkte der Wirklichkeit. Lauter imaginäre Ursachen ("Gott",
"Seele", "Ich" "Geist", "der freie Wille" - oder auch "der unfreie"); lauter
imaginäre Wirkungen ("Sünde", "Erlösung", "Gnade", "Strafe",
"Vergebung der Sünde"). Ein Verkehr zwischen imaginären Wesen
("Gott" "Geister" "Seelen"); eine imaginäre Naturwissenschaft (anthropocentrisch;
völliger Mangel des Begriffs der natürlichen Ursachen) eine imaginäre
Psychologie (lauter Selbst- Missverständnisse, Interpretationen angenehmer
oder unangenehmer Allgemeingefühle, zum Beispiel der Zustände
des nervus sympathicus mit Hülfe der Zeichensprache religiös-moralischer
Idiosynkrasie, - "Reue", "Gewissensbiss", "Versuchung des Teufels", "die
Nähe Gottes"); eine imaginäre Teleologie ("das Reich Gottes",
"das jüngste Gericht", "das ewige Leben"). - Diese reine Fiktions-Welt
unterscheidet sich dadurch sehr zu ihren Ungunsten von der Traumwelt, dass
letztere die Wirklichkeit wiederspiegelt, während sie die Wirklichkeit
fälscht, entwertete, verneint. Nachdem erst der Begriff "Natur" als
Gegenbegriff zu "Gott" erfunden war, musste "natürlich" das Wort sein
für "verwerflich", - jene ganze Fiktions-Welt hat ihre Wurzel im Hass
gegen das Natürliche (- die Wirklichkeit! -), sie ist der Ausdruck
eines tiefen Missbehagens am Wirklichen ... Aber damit ist Alles erklärt.
Wer allein hat Gründe sich wegzulügen aus der Wirklichkeit? Wer
an ihr leidet. Aber an der Wirklichkeit leiden heisst eine verunglückte
Wirklichkeit sein ... Das Übergewicht der Unlustgefühle über
die Lustgefühle ist die Ursache jener fiktiven Moral und Religion:
ein solches Übergewicht giebt aber die Formel ab für décadence
...
16.
Zu dem gleichen Schlusse nöthigt eine Kritik des christlichen Gottesbegriffs.
- Ein Volk, das noch an sich selbst glaubt, hat auch noch seinen eignen
Gott. In ihm verehrt es die Bedingungen, durch die es obenauf ist, seine
Tugenden, - es projicirt seine Lust an sich, sein Machtgefühl in ein
Wesen, dem man dafür danken kann. Wer reich ist, will abgeben; ein
stolzes Volk braucht einen Gott, um zu opfern ... Religion, innerhalb solcher
Voraussetzungen, ist eine Form der Dankbarkeit. Man ist für sich selber
dankbar: dazu braucht man einen Gott. - Ein solcher Gott muss nützen
und schaden können, muss Freund und Feind sein können, - man
bewundert ihn im Guten wie im Schlimmen. Die widernatürliche Castration
eines Gottes zu einem Gotte bloss des Guten läge hier ausserhalb aller
Wünschbarkeit. Man hat den bösen Gott so nöthig als den
guten: man verdankt ja die eigne Existenz nicht gerade der Toleranz, der
Menschenfreundlichkeit ... Was läge an einem Gotte, der nicht Zorn,
Rache, Neid, Hohn, List, Gewaltthat kennte? dem vielleicht nicht einmal
die entzückenden ardeurs des Siegs und der Vernichtung bekannt wären?
Man würde einen solchen Gott nicht verstehn: wozu sollte man ihn haben?
- Freilich: wenn ein Volk zu Grunde geht; wenn es den Glauben an Zukunft,
seine Hoffnung auf Freiheit endgültig schwinden fühlt; wenn ihm
die Unterwerfung als erste Nützlichkeit, die Tugenden der Unterworfenen
als Erhaltungsbedingungen in's Bewusstsein treten, dann muss sich auch
sein Gott verändern. Er wird jetzt Duckmäuser, furchtsam, bescheiden,
räth zum "Frieden der Seele", zum Nicht-mehr-Hassen, zur Nachsicht,
zur "Liebe" selbst gegen Freund und Feind. Er moralisirt beständig,
er kriecht in die Höhle jeder Privattugend, wird Gott für Jedermann,
wird Privatmann, wird Kosmopolit ... Ehemals stellte er ein Volk, die Stärke
eines Volkes, alles Aggressive und Machtdurstige aus der Seele eines Volkes
dar: jetzt ist er bloss noch der gute Gott ... In der That, es giebt keine
andre Alternative für Götter: entweder sind sie der Wille zur
Macht - und so lange werden sie Volksgötter sein - oder aber die Ohnmacht
zur Macht - und dann werden sie nothwendig gut...
17.
Wo in irgend welcher Form der Wille zur Macht niedergeht, giebt es jedes
Mal auch einen physiologischen Rückgang, eine décadence. Die
Gottheit der décadence, beschnitten an ihren männlichsten Tugenden
und Trieben, wird nunmehr nothwendig zum Gott der physiologisch-Zurückgegangenen,
der Schwachen. Sie heissen sich selbst nicht die Schwachen, sie heissen
sich "die Guten" ... Man versteht, ohne dass ein Wink noch Noth thäte,
in welchen Augenblicken der Geschichte erst die dualistische Fiktion eines
guten und eines bösen Gottes möglich wird. Mit demselben Instinkte,
mit dem die Unterworfnen ihren Gott zum "Guten an sich" herunterbringen,
streichen sie aus dem Gotte ihrer Überwinder die guten Eigenschaften
aus; sie nehmen Rache an ihren Herrn, dadurch dass sie deren Gott verteufeln.
- Der gute Gott, ebenso wie der Teufel: Beide Ausgeburten der décadence.
- Wie kann man heute noch der Einfalt christlicher Theologen so viel nachgeben,
um mit ihnen zu dekretiren, die Fortentwicklung des Gottesbegriffs vom
"Gotte Israels", vom Volksgotte zum christlichen Gotte, zum Inbegriff alles
Guten sei ein Fortschritt? - Aber selbst Renan thut es. Als ob Renan ein
Recht auf Einfalt hätte! Das Gegentheil springt doch in die Augen.
Wenn die Voraussetzungen des aufsteigenden Lebens, wenn alles Starke Tapfere,
Herrische, Stolze aus dem Gottesbegriffe eliminirt werden, wenn er Schritt
für Schritt zum Symbol eines Stabs für Müde, eines Rettungsankers
für alle Ertrinkenden heruntersinkt, wenn er Arme-Leute-Gott, Sünder-Gott,
Kranken-Gott par excellence wird, und das Prädikat "Heiland", "Erlöser"
gleichsam übrig bleibt als göttliches Prädikat überhaupt:
wovon redet eine solche Verwandlung? eine solche Reduktion des Göttlichen?
- Freilich: "das Reich Gottes" ist damit grösser geworden. Ehemals
hatte er nur sein Volk, sein "auserwähltes" Volk. Inzwischen gieng
er, ganz wie sein Volk selber, in die Fremde, auf Wanderschaft, er sass
seitdem nirgendswo mehr still: bis er endlich überall heimisch wurde,
der grosse Cosmopolit, - bis er "die grosse Zahl" und die halbe Erde auf
seine Seite bekam. Aber der Gott "der grossen Zahl", der Demokrat unter
den Göttern, wurde trotzdem kein stolzer Heidengott: er blieb Jude,
er blieb der Gott der Winkel, der Gott aller dunklen Ecken und Stellen,
aller ungesunden Quartiere der ganzen Welt! ... Sein Weltreich ist nach
wie vor ein Unterwelts-Reich, ein Hospital, ein Souterrain-Reich, ein Ghetto-Reich
... Und er selbst, so blass, so schwach, so décadent ... Selbst
die Blassesten der Blassen wurden noch über ihn Herr, die Herrn Metaphysiker,
die Begriffs-Albinos. Diese spannen so lange um ihn herum, bis er, hypnotisirt
durch ihre Bewegungen, selbst Spinne, selbst Metaphysicus wurde. Nunmehr
spann er wieder die Welt aus sich heraus - sub specie Spinozae -, nunmehr
transfigurirte er sich ins immer Dünnere und Blässere, ward "Ideal",
ward "reiner Geist", ward "absolutum", ward , Ding an sich ... Verfall
eines Gottes: Gott ward "Ding an sich"...
18.
Der christliche Gottesbegriff - Gott als Krankengott, Gott als Spinne,
Gott als Geist - ist einer der corruptesten Gottesbegriffe, die auf Erden
erreicht worden sind; er stellt vielleicht selbst den Pegel des Tiefstands
in der absteigenden Entwicklung des Götter-Typus dar. Gott zum Widerspruch
des Lebens abgeartet, statt dessen Verklärung und ewiges Ja zu sein.
In Gott dem Leben, der Natur, dem Willen zum Leben die Feindschaft angesagt!
Gott die Formel für jede Verleumdung des "Diesseits", für jede
Lüge vom "Jenseits"! In Gott das Nichts vergöttlicht, der Wille
zum Nichts heilig gesprochen!
19.
Dass die starken Rassen des nördlichen Europa den christlichen Gott
nicht von sich gestossen haben, macht ihrer religiösen Begabung wahrlich
keine Ehre, um nicht vom Geschmacke zu reden. Mit einer solchen krankhaften
und altersschwachen Ausgeburt der décadence hätten sie fertig
werden müssen. Aber es liegt ein Fluch dafür auf ihnen, dass
sie nicht mit ihm fertig geworden sind: sie haben die Krankheit, das Alter,
den Widerspruch in alle ihre Instinkte aufgenommen, - sie haben seitdem
keinen Gott mehr geschaffen! Zwei Jahrtausende beinahe und nicht ein einziger
neuer Gott! Sondern immer noch und wie zu Recht bestehend, wie ein ultimatum
und maximum der gottbildenden Kraft, des creator spiritus im Menschen,
dieser erbarmungswürdige Gott des christlichen Monotono-Theismus!
dies hybride Verfalls-Gebilde aus Null, Begriff und Widerspruch, in dem
alle Décadence-Instinkte, alle Feigheiten und Müdigkeiten der
Seele ihre Sanktion haben! - -
20.
Mit meiner Verurtheilung des Christenthums möchte ich kein Unrecht
gegen eine verwandte Religion begangen haben, die der Zahl der Bekenner
nach sogar überwiegt, gegen den Buddhismus. Beide gehören als
nihilistische Religionen zusammen - sie sind décadence-Religionen
-, beide sind von einander in der merkwürdigsten Weise getrennt. Dass
man sie jetzt vergleichen kann, dafür ist der Kritiker des Christenthums
den indischen Gelehrten tief dankbar. - Der Buddhismus ist hundert Mal
realistischer als das Christenthum, - er hat die Erbschaft des objektiven
und kühlen Probleme-Stellens im Leibe, er kommt nach einer Hunderte
von Jahren dauernden philosophischen Bewegung, der Begriff "Gott" ist bereits
abgethan, als er kommt. Der Buddhismus ist die einzige eigentlich positivistische
Religion, die uns die Geschichte zeigt, auch noch in seiner Erkenntnisstheorie
(einem strengen Phänomenalismus -), er sagt nicht mehr "Kampf gegen
Sünde", sondern, ganz der Wirklichkeit das Recht gebend, "Kampf gegen
das Leiden". Er hat - dies unterscheidet ihn tief vom Christenthum - die
Selbst-Betrügerei der Moral-Begriffe bereits hinter sich, - er steht,
in meiner Sprache geredet, jenseits von Gut und Böse. - Die zwei physiologischen
Thatsachen, auf denen er ruht und die er ins Auge fasst, sind: einmal eine
übergrosse Reizbarkeit der Sensibilität, welche sich als raffinirte
Schmerzfähigkeit ausdrückt, sodann eine Übergeistigung,
ein allzulanges Leben in Begriffen und logischen Prozeduren, unter dem
der Person-Instinkt zum Vortheil des "Unpersönlichen" Schaden genommen
hat (- Beides Zustände, die wenigstens Einige meiner Leser, die "Objektiven",
gleich mir selbst, aus Erfahrung kennen werden) Auf Grund dieser physiologischen
Bedingungen ist eine Depression entstanden: gegen diese geht Buddha hygienisch
vor. Er wendet dagegen das Leben im Freien an, das Wanderleben, die Mässigung
und die Wahl in der Kost; die Vorsicht gegen alle Spirituosa; die Vorsicht
insgleichen gegen alle Affekte, die Galle machen, die das Blut erhitzen;
keine Sorge, weder für sich, noch für Andre. Er fordert Vorstellungen,
die entweder Ruhe geben oder erheitern - er erfindet Mittel, die andren
sich abzugewöhnen. Er versteht die Güte, das Gütig-sein
als gesundheitfördernd. Gebet ist ausgeschlossen, ebenso wie die Askese;
kein kategorischer Imperativ, kein Zwang überhaupt, selbst nicht innerhalb
der Klostergemeinschaft (- man kann wieder hinaus -) Das Alles wären
Mittel, um jene übergrosse Reizbarkeit zu verstärken. Eben darum
fordert er auch keinen Kampf gegen Andersdenkende; seine Lehre wehrt sich
gegen nichts mehr als gegen das Gefühl der Rache, der Abneigung, des
ressentiment (- "nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende": der
rührende Refrain des ganzen Buddhismus ... ) Und das mit Recht: gerade
diese Affekte wären vollkommen ungesund in Hinsicht auf die diätetische
Hauptabsicht. Die geistige Ermüdung, die er vorfindet, und die sich
in einer allzugrossen "Objektivität" (das heisst Schwächung des
Individual-Interesses, Verlust an Schwergewicht, an "Egoismus") ausdrückt,
bekämpft <er> mit einer strengen Zurückführung auch der
geistigsten Interessen auf die Person. In der Lehre Buddha's wird der Egoismus
Pflicht: das "Eins ist Noth", das "wie kommst du vom Leiden los" regulirt
und begrenzt die ganze geistige Diät (- man darf sich vielleicht an
jenen Athener erinnern, der der reinen "Wissenschaftlichkeit" gleichfalls
den Krieg machte, an Sokrates, der den Personal-Egoismus auch im Reich
der Probleme zur Moral erhob.)
21.
Die Voraussetzung für den Buddhismus ist ein sehr mildes Klima, eine
grosse Sanftmuth und Liberalität in den Sitten, kein Militarismus;
und dass es die höheren und selbst gelehrten Stände sind, in
denen die Bewegung ihren Heerd hat. Man will die Heiterkeit, die Stille,
die Wunschlosigkeit als höchstes Ziel, und man erreicht sein Ziel.
Der Buddhismus ist keine Religion, in der man bloss auf Vollkommenheit
aspirirt: das Vollkommne ist der normale Fall. -
Im Christenthume kommen die Instinkte Unterworfner und Unterdrückter
in den Vordergrund: es sind die niedersten Stände, die in ihm ihr
Heil suchen. Hier wird als Beschäftigung, als Mittel gegen die Langeweile,
die Casuistik der Sünde, die Selbstkritik, die Gewissens-Inquisition
geübt; hier wird der Affekt gegen einen Mächtigen, "Gott" genannt,
beständig aufrecht erhalten (durch das Gebet); hier gilt das Höchste
als unerreichbar, als Geschenk, als "Gnade". Hier fehlt auch die Öffentlichkeit;
der Versteck, der dunkle Raum ist christlich. Hier wird der Leib verachtet,
die Hygiene als Sinnlichkeit abgelehnt; die Kirche wehrt sich selbst gegen
die Reinlichkeit (- die erste christliche Massregel nach Vertreibung der
Mauren war die Schliessung der öffentlichen Bäder, von denen
Cordova allein 270 besass). Christlich ist ein gewisser Sinn der Grausamkeit,
gegen sich und Andre; der Hass gegen die Andersdenkenden; der Wille, zu
verfolgen. Düstere und aufregende Vorstellungen sind im Vordergrunde;
die höchstbegehrten, mit den höchsten Namen bezeichneten Zustände
sind Epilepsoïden; die Diät wird so gewährt, dass sie morbide
Erscheinungen begünstigt und die Nerven überreizt. Christlich
ist die Todfeindschaft gegen die Herren der Erde, gegen die "Vornehmen"
- und zugleich ein versteckter heimlicher Wettbewerb (- man lässt
ihnen den "Leib", man will nur die "Seele" .. .) Christlich ist der Hass
gegen den Geist, gegen Stolz, Muth, Freiheit, libertinage des Geistes;
christlich ist der Hass gegen die Sinne, gegen die Freuden der Sinne, gegen
die Freude überhaupt ...
22.
Dies Christenthum, als es seinen ersten Boden verliess, die niedrigsten
Stände, die Unterwelt der antiken Welt, als es unter Barbaren-Völkern
nach Macht ausgieng, hatte hier nicht mehr müde Menschen zur Voraussetzung,
sondern innerlich verwilderte und sich zerreissende, - den starken Menschen,
aber den missrathenen. Die Unzufriedenheit mit sich, das Leiden an sich
ist hier nicht wie bei dem Buddhisten eine übermässige Reizbarkeit
und Schmerzfähigkeit, vielmehr umgekehrt ein übermächtiges
Verlangen nach Wehethun, nach Auslassung der inneren Spannung in feindseligen
Handlungen und Vorstellungen. Das Christenthum hatte barbarische Begriffe
und Werthe nöthig, um über Barbaren Herr zu werden: solche sind
das Erstlingsopfer, das Bluttrinken im Abendmahl, die Verachtung des Geistes
und der Cultur; die Folterung in allen Formen, sinnlich und unsinnlich;
der grosse Pomp des Cultus. Der Buddhismus ist eine Religion für späte
Menschen, für gütige, sanfte, übergeistig gewordne Rassen,
die zu leicht Schmerz empfinden (Europa ist noch lange nicht reif für
ihn -): er ist eine Rückführung derselben zu Frieden und Heiterkeit,
zur Diät im Geistigen, zu einer gewissen Abhärtung im Leiblichen.
Das Christenthum will über Raubthiere Herr werden; sein Mittel ist,
sie krank zu machen, - die Schwächung ist das christliche Rezept zur
Zähmung, zur "Civilisation". Der Buddhismus ist eine Religion für
den Schluss und die Müdigkeit der Civilisation, das Christenthum findet
sie noch nicht einmal vor, - es begründet sie unter Umständen.
23.
Der Buddhismus, nochmals gesagt, ist hundert Mal kälter, wahrhafter,
objektiver. Er hat nicht mehr nöthig, sich sein Leiden, seine Schmerzfähigkeit
anständig zu machen durch die Interpretation der Sünde, - er
sagt bloss, was er denkt "ich leide". Dem Barbaren dagegen ist Leiden an
sich nichts Anständiges: er braucht erst eine Auslegung, um es sich
einzugestehn, dass er leidet (sein Instinkt weist ihn eher auf Verleugnung
des Leidens, auf stilles Ertragen hin) Hier war das Wort "Teufel" eine
Wohlthat: man hatte einen übermächtigen und furchtbaren Feind,
- man brauchte sich nicht zu schämen, an einem solchen Feind zu leiden.
-
Das Christenthum hat einige Feinheiten auf dem Grunde, die zum Orient
gehören. Vor allem weiss es, dass es an sich ganz gleichgültig
ist, ob Etwas wahr <ist>, aber von höchster Wichtigkeit, sofern
es als wahr geglaubt wird. Die Wahrheit und der Glaube, dass Etwas wahr
sei: zwei ganz auseinanderliegende Interessen-Welten, fast Gegensatz -
Welten - man kommt zum Einen und zum Andren auf grundverschiednen Wegen.
Hierüber wissend zu sein - das macht im Orient beinahe den Weisen:
so verstehn es die Brahmanen, so versteht es Plato, so jeder Schüler
esoterischer Weisheit. Wenn zum Beispiel ein Glück darin liegt, sich
von der Sünde erlöst zu glauben, so thut als Voraussetzung dazu
nicht noth, dass der Mensch sündig sei, sondern dass er sich sündig
fühlt. Wenn aber überhaupt vor allem Glaube noth thut, so muss
man die Vernunft, die Erkenntniss, die Forschung in Misskredit bringen:
der Weg zur Wahrheit wird zum verbotnen Weg. - Die starke Hoffnung ist
ein viel grösseres Stimulans des Lebens, als irgend ein einzelnes
wirklich eintretendes Glück. Man muss Leidende durch eine Hoffnung
aufrecht erhalten, welcher durch keine Wirklichkeit widersprochen werden
kann, - welche nicht durch eine Erfüllung abgethan wird: eine Jenseits-Hoffnung.
(Gerade wegen dieser Fähigkeit, den Unglücklichen hinzuhalten,
galt die Hoffnung bei den Griechen als übel der Übel, als das
eigentlich tückische Übel: es blieb im Fass des Übels zurück).
- Damit Liebe möglich ist, muss Gott Person sein; damit die untersten
Instinkte mitreden können, muss Gott jung sein. Man hat für die
Inbrunst der Weiber einen schönen Heiligen, für die der Männer
eine Maria in den Vordergrund zu rücken. Dies unter der Voraussetzung,
dass das Christenthum auf einem Boden Herr , werden will, wo aphrodisische
oder Adonis-Culte den Begriff des Cultus bereits bestimmt haben. Die Forderung
der Keuschheit verstärkt die Vehemenz und Innerlichkeit des religiösen
Instinkts - sie macht den Cultus wärmer, schwärmerischer, seelenvoller.
- Die Liebe ist der Zustand, wo der Mensch die Dinge am meisten so sieht,
wie sie nicht sind. Die illusorische Kraft ist da auf ihrer Höhe,
ebenso die versüssende, die verklärende Kraft. Man erträgt
in der Liebe mehr als sonst, man duldet Alles. Es galt eine Religion zu
erfinden, in der geliebt werden kann: damit ist man über das Schlimmste
am Leben hinaus - man sieht es gar nicht mehr. - So viel über die
drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung: ich nenne sie die drei
christlichen Klugheiten. - Der Buddhismus ist zu spät, zu positivistisch
dazu, um noch auf diese Weise klug zu sein. -
24.
Ich berühre hier nur das Problem der Entstehung des Christenthums.
Der erste Satz zu dessen Lösung heisst: das Christenthum ist einzig
aus dem Boden zu verstehn, aus dem es gewachsen ist, - es ist nicht eine
Gegenbewegung gegen den jüdischen Instinkt, es ist dessen Folgerichtigkeit
selbst, ein Schluss weiter in dessen furchteinflössender Logik. In
der Formel des Erlösers: "das Heil kommt von den Juden". - Der zweite
Satz heisst: der psychologische Typus des Galiläers ist noch erkennbar,
aber erst in seiner vollständigen Entartung (die zugleich Verstümmelung
und Überladung mit fremden Zügen ist -) hat er dazu dienen können,
wozu er gebraucht worden ist, zum Typus eines Erlösers der Menschheit.
Die Juden sind das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte, weil sie,
vor die Frage von Sein und Nichtsein gestellt, mit einer vollkommen unheimlichen
Bewusstheit das Sein um jeden Preis vorgezogen haben: dieser Preis war
die radikale Fälschung aller Natur, aller Natürlichkeit, aller
Realität, der ganzen inneren Welt so gut als der äusseren. Sie
grenzten sich ab gegen alle Bedingungen, unter denen bisher ein Volk leben
konnte, leben durfte, sie schufen aus sich einen Gegensatz-Begriff zu natürlichen
Bedingungen, - sie haben, der Reihe nach, die Religion, den Cultus, die
Moral, die Geschichte, die Psychologie auf eine unheilbare Weise in den
Widerspruch zu deren Natur-Werthen umgedreht. Wir begegnen demselben Phänomene
noch einmal und in unsäglich vergrösserten Proportionen, trotzdem
nur als Copie: - die christliche Kirche entbehrt, im Vergleich zum "Volk
der Heiligen", jedes Anspruchs auf Originalität. Die Juden sind, ebendamit,
das verhängnissvollste Volk der Weltgeschichte: in ihrer Nachwirkung
haben sie die Menschheit dermaassen falsch gemacht, dass heute noch der
Christ antijüdisch fühlen kann, ohne sich als die letzte jüdische
Consequenz zu verstehn.
Ich habe in meiner "Genealogie der Moral" zum ersten Male den Gegensatz-Begriff
einer vornehmen Moral und einer ressentiment-Moral psychologisch vorgeführt,
letztere aus dem Nein gegen die erstere entsprungen: aber dies ist die
jüdisch-christliche Moral ganz und gar. Um Nein sagen zu können
zu Allem, was die aufsteigende Bewegung des Lebens, die Wohlgerathenheit,
die Macht, die Schönheit, die Selbstbejahung auf Erden darstellt,
musste hier sich der Genie gewordne Instinkt des ressentiment eine andre
Welt erfinden, von wo aus jene Lebens-Bejahung als das Böse, als das
Verwerfliche an sich erschien. Psychologisch nachgerechnet, ist das jüdische
Volk ein Volk der zähesten Lebenskraft, welches, unter unmögliche
Bedingungen versetzt, freiwillig, aus der tiefsten Klugheit der Selbst-Erhaltung,
die Partei aller décadence-Instinkte nimmt, - nicht als von ihnen
beherrscht, sondern weil es in ihnen eine Macht errieth, mit der man sich
gegen "die Welt" durchsetzen kann. Sie sind das Gegenstück aller décadents:
sie haben sie darstellen müssen bis zur Illusion, sie haben sich,
mit einem non-plus-ultra des schauspielerischen Genies, an die Spitze aller
décadence-Bewegungen zu stellen gewusst (- als Christenthum des
Paulus -), um aus ihnen Etwas zu schaffen, das stärker ist als jede
Ja-sagende Partei des Lebens. Die décadence ist, für die im
Juden- und Christenthum zur Macht verlangende Art von Mensch, eine priesterliche
Art, nur Mittel: diese Art von Mensch hat ein Lebens-Interesse daran, die
Menschheit krank zu machen und die Begriffe "gut" und "böse", "wahr"
und "falsch" in einen lebensgefährlichen und weltverleumderischen
Sinn umzudrehn. -
25.
Die Geschichte Israels ist unschätzbar als typische Geschichte aller
Entnatürlichung der Natur-Werthe: ich deute fünf Thatsachen derselben
an. Ursprünglich, vor allem in der Zeit des Königthums, stand
auch Israel zu allen Dingen in der richtigen, das heisst der natürlichen
Beziehung. Sein Javeh war der Ausdruck des Macht-Bewusstseins, der Freude
an sich, der Hoffnung auf sich: in ihm erwartete man Sieg und Heil, mit
ihm vertraute man der Natur, dass sie giebt, was das Volk nöthig hat
- vor allem Regen. Javeh ist der Gott Israels und folglich Gott der Gerechtigkeit:
die Logik jedes Volks, das in Macht ist und ein gutes Gewissen davon hat.
Im Fest-Cultus drücken sich diese beiden Seiten der Selbstbejahung
eines Volks aus: es ist dankbar für die grossen Schicksale, durch
die es obenauf kam, es ist dankbar im Verhältniss zum Jahreskreislauf
und allem Glück in Viehzucht und Ackerbau. - Dieser Zustand der Ding<e>
blieb noch lange das Ideal, auch als er auf eine traurige Weise abgethan
war: die Anarchie im Innern, der Assyrer von aussen. Aber das Volk hielt
als höchste Wünschbarkeit jene Vision eines Königs fest,
der ein guter Soldat und ein strenger Richter ist: vor allem jener typische
Prophet (das heisst Kritiker und Satyriker des Augenblicks) Jesaia. - Aber
jede Hoffnung blieb unerfüllt. Der alte Gott konnte nichts mehr von
dem, was er ehemals konnte. Man hätte ihn fahren lassen sollen. Was
geschah? Man veränderte seinen Begriff, - man entnatürlichte
seinen Begriff: um diesen Preis hielt man ihn fest. - Javeh der Gott der
"Gerechtigkeit", - nicht mehr eine Einheit mit Israel, ein Ausdruck des
Volks-Selbstgefühls: nur noch ein Gott unter Bedingungen ... Sein
Begriff wird ein Werkzeug in den Händen priesterlicher Agitatoren,
welche alles Glück nunmehr als Lohn, alles Unglück als Strafe
für Ungehorsam gegen Gott, für "Sünde", interpretiren: jene
verlogenste Interpretations-Manier einer angeblich "sittlichen Weltordnung",
mit der, ein für alle Mal, der Naturbegriff "Ursache" und "Wirkung"
auf den Kopf gestellt ist. Wenn man erst, mit Lohn und Strafe, die natürliche
Causalität aus der Welt geschafft hat, bedarf man einer widernatürlichen
Causalität: der ganze Rest von Unnatur folgt nunmehr. Ein Gott, der
fordert - an Stelle eines Gottes, der hilft, der Rath schafft, der im Grunde
das Wort ist für jede glückliche Inspiration des Muths und des
Selbstvertrauens ... Die Moral, nicht mehr der Ausdruck der Lebens- und
Wachsthums-Bedingungen eines Volk<s>, nicht mehr sein unterster Instinkt
des Lebens, sondern abstrakt geworden, Gegensatz zum Leben geworden, -
Moral als grundsätzliche Verschlechterung der Phantasie, als "böser
Blick" für alle Dinge. Was ist jüdische, was ist christliche
Moral? Der Zufall um seine Unschuld gebracht; das Unglück mit dem
Begriff "Sünde" beschmutzt; das Wohlbefinden als Gefahr, als "Versuchung";
das physiologische Übelbefinden mit dem Gewissens-Wurm vergiftet ...
26.
Der Gottesbegriff gefälscht; der Moralbegriff gefälscht: - die
jüdische Priesterschaft blieb dabei nicht stehn. Man konnte die ganze
Geschichte Israels nicht brauchen: fort mit ihr! - Diese Priester haben
jenes Wunderwerk von Fälschung zu Stande gebracht, als deren Dokument
uns ein guter Theil der Bibel vorliegt: sie haben ihre eigne Volks-Vergangenheit
mit einem Hohn ohne Gleichen gegen jede Überlieferung, gegen jede
historische Realität ins Religiöse übersetzt, das heisst,
aus ihr einen stupiden Heils-Mechanismus von Schuld gegen Javeh und Strafe,
von Frömmigkeit gegen Javeh und Lohn gemacht. Wir würden diesen
schmachvollsten Akt der Geschichts-Fälschung viel schmerzhafter empfinden,
wenn uns nicht die kirchliche Geschichts-Interpretation von Jahrtausenden
fast stumpf für die Forderungen der Rechtschaffenheit in historicis
gemacht hätte. Und der Kirche sekundirten die Philosophen: die Lüge
"der sittlichen Weltordnung" geht durch die ganze Entwicklung selbst der
neueren Philosophie. Was bedeutet "sittliche Weltordnung"? Dass es, ein
für alle Mal, einen Willen Gottes giebt, was der Mensch zu thun, was
er zu lassen habe; dass der Werth eines Volkes, eines Einzelnen sich darnach
bemesse, wie sehr oder wie wenig dem Willen Gottes gehorcht wird; dass
in den Schicksalen eines Volkes, eines Einzelnen sich der Wille Gottes
als herrschend , das heisst als strafend und belohnend, je nach dem Grade
des Gehorsams, beweist. Die Realität an Stelle dieser erbarmungswürdigen
Lüge heisst: eine parasitische Art Mensch, die nur auf Kosten aller
gesunden Bildungen des Lebens gedeiht, der Priester, missbraucht den Namen
Gottes: er nennt einen Zustand der Dinge, in dem der Priester den Werth
der Dinge bestimmt, "das Reich Gottes"; er nennt die Mittel, vermöge
deren ein solcher Zustand erreicht oder aufrecht erhalten wird, "den Willen
Gottes"; er misst, mit einem kaltblütigen Cynismus, die Völker,
die Zeiten, die Einzelnen darnach ab, ob sie der Priester-Übermacht
nützten oder widerstrebten. Man sehe sie am Werk: unter den Händen
der jüdischen Priester wurde die grosse Zeit in der Geschichte Israels
eine Verfalls-Zeit; das Exil, das lange Unglück verwandelte sich in
eine ewige Strafe für die grosse Zeit - eine Zeit, in der der Priester
noch nichts war ... Sie haben aus den mächtigen, sehr frei gerathenen
Gestalten der Geschichte Israels, je nach Bedürfniss, armselige Ducker
und Mucker oder "Gottlose" gemacht, sie haben die Psychologie jedes grossen
Ereignisses auf die Idioten-Formel "Gehorsam oder Ungehorsam gegen Gott"
vereinfacht. - Ein Schritt weiter: der "Wille Gottes", das heisst die Erhaltungs-Bedingungen
für die Macht des Priesters, muss bekannt sein, - zu diesem Zwecke
bedarf es einer "Offenbarung". Auf deutsch: eine grosse litterarische Fälschung
wird nöthig, eine "heilige Schrift" wird entdeckt, - unter allem hieratischen
Pomp, mit Busstagen und Jammergeschrei über die lange "Sünde"
wird sie öffentlich gemacht. Der "Wille Gottes" stand längst
fest: das ganze Unheil liegt darin, dass man sich der "heiligen Schrift"
entfremdet hat ... Moses schon war der "Wille Gottes" offenbart ... Was
war geschehn? Der Priester hatte, mit Strenge, mit Pedanterie, bis auf
die grossen und kleinen Steuern, die man ihm zu zahlen hatte (- die schmackhaftesten
Stücke vom Fleisch nicht zu vergessen: denn der Priester ist ein Beefsteak-Fresser)
ein für alle Mal formulirt, was er haben will, "was der Wille Gottes
ist" ... Von nun an sind alle Dinge des Lebens so geordnet, dass der Priester
überall unentbehrlich ist; in allen natürlichen Vorkommnissen
des Lebens, bei der Geburt, der Ehe, der Krankheit, dem Tode, gar nicht
vom Opfer ("der Mahlzeit") zu reden, erscheint der heilige Parasit, um
sie zu entnatürlichen: in seiner Sprache zu "heiligen" ... Denn dies
muss man begreifen: jede natürliche Sitte, jede natürliche Institution
(Staat, Gerichts-Ordnung, Ehe, Kranken- und Armenpflege), jede vom Instinkt
des Lebens eingegebne Forderung, kurz Alles, was seinen Werth in sich hat,
wird durch den Parasitismus des Priesters (oder der "sittlichen Weltordnung")
grundsätzlich werthlos, werth-widrig gemacht: es bedarf nachträglich
einer Sanktion, - eine werthverleihende Macht thut noth, welche die Natur
darin verneint, welche eben damit erst einen Werth schafft ... Der Priester
entwerthet, entheiligt die Natur: um diesen Preis besteht er überhaupt.
- Der Ungehorsam gegen Gott, das heisst gegen den Priester, gegen "das
Gesetz" bekommt nun den Namen "Sünde"; die Mittel, sich wieder "mit
Gott zu versöhnen", sind, wie billig, Mittel, mit denen die Unterwerfung
unter den Priester nur noch gründlicher gewährleistet ist: der
Priester allein "erlöst" ... Psychologisch nachgerechnet werden in
jeder priesterlich organisirten Gesellschaft die "Sünden" unentbehrlich:
sie sind die eigentlichen Handhaben der Macht, der Priester lebt von den
Sünden, er hat nöthig, dass "gesündigt" wird ... Oberster
Satz: "Gott vergiebt dem, der Busse thut" - auf deutsch: der sich dem Priester
unterwirft. -
27.
Auf einem dergestalt falschen Boden, wo jede Natur, jeder Natur-Werth,
jede Realität die tiefsten Instinkte der herrschenden Klasse wider
sich hatte, wuchs das Christenthum auf, eine Todfeindschafts-Form gegen
die Realität, die bisher nicht übertroffen worden ist. Das "heilige
Volk", das für alle Dinge nur Priester-Werthe, nur Priester-Worte
übrig behalten hatte, und mit einer Schluss-Folgerichtigkeit, die
Furcht einflössen kann, Alles, was sonst noch an Macht auf Erden bestand,
als "unheilig", als "Welt", als "Sünde" von sich abgetrennt hatte
- dies Volk brachte für seinen Instinkt eine letzte Formel hervor,
die logisch war bis zur Selbstverneinung: es verneinte, als Christenthum,
noch die letzte Form der Realität, das "heilige Volk", das "Volk der
Ausgewählten", die jüdische Realität selbst. Der Fall ist
ersten Rangs: die kleine aufständische Bewegung, die auf den Namen
des Jesus von Nazareth getauft wird, ist der jüdische Instinkt noch
einmal,- anders gesagt, der Priester-Instinkt, der den Priester als Realität
nicht mehr verträgt, die Erfindung einer noch abgezogneren Daseinsform,
einer noch unrealeren Vision der Welt, als sie die Organisation einer Kirche
bedingt. Das Christenthum verneint die Kirche ...
Ich sehe nicht ab, wogegen der Aufstand gerichtet war, als dessen Urheber
Jesus verstanden oder missverstanden worden ist, wenn es nicht der Aufstand
gegen die jüdische Kirche war, Kirche genau in dem Sinn genommen,
in dem wir heute das Wort nehmen. Es war ein Aufstand gegen "die Guten
und Gerechten", gegen "die Heiligen Israels", gegen die Hierarchie der
Gesellschaft - nicht gegen deren Verderbniss, sondern gegen die Kaste,
das Privilegium, die Ordnung, die Formel; es war der Unglaube an die "höheren
Menschen", das Nein gesprochen gegen Alles, was Priester und Theologe war.
Aber die Hierarchie, die damit, wenn auch nur für einen Augenblick,
in Frage gestellt wurde, war der Pfahlbau, auf dem das jüdische Volk,
mitten im "Wasser", überhaupt noch fortbestand, die mühsam errungene
letzte Möglichkeit, übrig zu bleiben, das residuum seiner politischen
Sonder-Existenz: ein Angriff auf sie war ein Angriff auf den tiefsten Volks-Instinkt,
auf den zähesten Volks-Lebens-Willen, der je auf Erden dagewesen ist.
Dieser heilige Anarchist, der das niedere Volk, die Ausgestossnen und "Sünder",
die Tschandala innerhalb des Judenthums zum Widerspruch gegen die herrschende
Ordnung aufrief - mit einer Sprache, falls den Evangelien zu trauen wäre,
die auch heute noch nach Sibirien führen würde, war ein politischer
Verbrecher, so weit eben politische Verbrecher in einer absurd-unpolitischen
Gemeinschaft möglich waren. Dies brachte ihn an's Kreuz: der Beweis
dafür ist die Aufschrift des Kreuzes. Er starb für seine Schuld,
- es fehlt jeder Grund dafür, so oft es auch behauptet worden ist,
dass er für die Schuld Andrer starb. -
28.
Eine vollkommen andre Frage ist es, ob er einen solchen Gegensatz überhaupt
im Bewusstsein hatte, - ob er nicht bloss als dieser Gegensatz empfunden
wurde. Und hier erst berühre ich das Problem der Psychologie des Erlösers.
- Ich bekenne, dass ich wenige Bücher mit solchen Schwierigkeiten
lese wie die Evangelien. Diese Schwierigkeiten sind andre, als die, an
deren Nachweis die gelehrte Neugierde des deutschen Geistes einen ihrer
unvergesslichsten Triumphe gefeiert hat. Die Zeit ist fern, wo auch ich,
gleich jedem jungen Gelehrten, mit der klugen Langsamkeit eines raffinirten
Philologen das Werk des unvergleichlichen Strauss auskostete. Damals war
ich zwanzig Jahr alt: jetzt bin ich zu ernst dafür. Was gehen mich
die Widersprüche der "Überlieferung" an? Wie kann man Heiligen-Legenden
überhaupt "Überlieferung" nennen! Die Geschichten von Heiligen
sind die zweideutigste Litteratur, die es überhaupt giebt: auf sie
die wissenschaftliche Methode anwenden, wenn sonst keine Urkunden vorliegen,
scheint mir von vornherein verurtheilt - blosser gelehrter Müssiggang
...
29.
Was mich angeht, ist der psychologische Typus des Erlösers. Derselbe
könnte ja in den Evangelien enthalten sein trotz den Evangelien, wie
sehr auch immer verstümmelt oder mit fremden Zügen überladen:
wie der des Franciscus von Assisi in seinen Legenden erhalten ist trotz
seinen Legenden. Nicht die Wahrheit darüber, was er gethan, was er
gesagt, wie er eigentlich gestorben ist: sondern die Frage, ob sein Typus
überhaupt noch vorstellbar, ob er "überliefert" ist? - Die Versuche,
die ich kenne, aus den Evangelien sogar die Geschichte einer "Seele" herauszulesen,
scheinen mir Beweise einer verabscheuungswürdigen psychologischen
Leichtfertigkeit. Herr Renan, dieser Hanswurst in psychologicis, hat die
zwei ungehörigsten Begriffe zu seiner Erklärung des Typus Jesus
hinzugebracht, die es hierfür geben kann: den Begriff Genie und den
Begriff Held ("héros"). Aber wenn irgend Etwas unevangelisch ist,
so ist es der Begriff Held. Gerade der Gegensatz zu allem Ringen, zu allem
Sich-in-Kampf-fühlen ist hier Instinkt geworden: die Unfähigkeit
zum Widerstand wird hier Moral ("widerstehe nicht dem Bösen" das tiefste
Wort der Evangelien, ihr Schlüssel in gewissem Sinne), die Seligkeit
im Frieden, in der Sanftmuth, im Nicht-feind-sein-können. Was heisst
"frohe Botschaft"? Das wahre Leben, das ewige Leben ist gefunden - es wird
nicht verheissen, es ist da, es ist in euch: als Leben in der Liebe, in
der Liebe ohne Abzug und Ausschluss, ohne Distanz. Jeder ist das Kind Gottes
- Jesus nimmt durchaus nichts für sich allein in Anspruch - als Kind
Gottes ist Jeder mit Jedem gleich ... Aus Jesus einen Helden machen! -
Und was für ein Missverständniss ist gar das Wort "Genie"! Unser
ganzer Begriff, unser Cultur-Begriff "Geist" hat in der Welt, in der Jesus
lebt, gar keinen Sinn. Mit der Strenge des Physiologen gesprochen, wäre
hier ein ganz andres Wort eher noch am Platz: das Wort Idiot. Wir kennen
einen Zustand krankhafter Reizbarkeit des Tastsinns , der dann vor jeder
Berührung, vor jedem Anfassen eines festen Gegenstandes zurückschaudert.
Man übersetze sich einen solchen physiologischen habitus in seine
letzte Logik - als Instinkt-Hass gegen jede Realität, als Flucht in's
"Unfassliche", in's "Unbegreifliche", als Widerwille gegen jede Formel,
jeden Zeit- und Raumbegriff, gegen Alles, was fest, Sitte, Institution,
Kirche ist, als Zu-Hause-sein in einer Welt, an die keine Art Realität
mehr rührt, einer bloss noch "inneren" Welt, einer "wahren" Welt,
einer "ewigen" Welt ... "Das Reich Gottes ist in euch" ...
30.
Der Instinkt-Hass gegen die Realität: Folge einer extremen Leid- und
Reizfähigkeit, welche überhaupt nicht mehr "berührt" werden
will, weil sie jede Berührung zu tief empfindet.
Die Instinkt-Ausschliessung aller Abneigung, aller Feindschaft, aller
Grenzen und Distanzen im Gefühl: Folge einer extremen Leid- und Reizfähigkeit,
welche jedes Widerstreben, Widerstreben-Müssen bereits als unerträgliche
Unlust (das heisst als schädlich, als vom Selbsterhaltungs-Instinkte
widerrathen) empfindet und die Seligkeit (die Lust) allein darin kennt,
nicht mehr, Niemandem mehr, weder dem übel, noch dem Bösen, Widerstand
zu leisten, - die Liebe als einzige, als letzte Lebens-Möglichkeit
...
Dies sind die zwei physiologischen Realitäten, auf denen, aus denen
die Erlösungs-Lehre gewachsen ist. Ich nenne sie eine sublime Weiter-Entwicklung
des Hedonismus auf durchaus morbider Grundlage. Nächstverwandt, wenn
auch mit einem grossen Zuschuss von griechischer Vitalität und Nervenkraft,
bleibt ihr der Epicureismus, die Erlösungs-Lehre des Heidenthums.
Epicur ein typischer décadent: zuerst von mir als solcher erkannt.
- Die Furcht vor Schmerz, selbst vor dem Unendlich-Kleinen im Schmerz -
sie kann gar nicht anders enden als in einer Religion der Liebe ...
31.
Ich habe meine Antwort auf das Problem vorweg gegeben. Die Voraussetzung
für sie ist, dass der Typus des Erlösers uns nur in einer starken
Entstellung erhalten ist. Diese Entstellung hat an sich viel Wahrscheinlichkeit:
ein solcher Typus konnte aus mehreren Gründen nicht rein, nicht ganz,
nicht frei von Zuthaten bleiben. Es muss sowohl das milieu, in dem sich
diese fremde Gestalt bewegte, Spuren an ihm hinterlassen haben, als noch
mehr die Geschichte, das Schicksal der ersten christlichen Gemeinde: aus
ihm wurde, rückwirkend, der Typus mit Zügen bereichert, die erst
aus dem Kriege und zu Zwecken der Propaganda verständlich werden.
Jene seltsame und kranke Welt, in die uns die Evangelien einführen
- eine Welt, wie aus einem russischen Romane, in der sich Auswurf der Gesellschaft,
Nerven leiden und "kindliches" Idiotenthum ein Stelldichein zu geben scheinen
- muss unter allen Umständen den Typus vergröbert haben: die
ersten Jünger in Sonderheit übersetzten ein ganz in Symbolen
und Unfasslichkeiten schwimmendes Sein erst in die eigne Crudität,
um überhaupt Etwas davon zu verstehn, - für sie war der Typus
erst nach einer Einformung in bekanntere Formen vorhanden ... Der Prophet,
der Messias, der zukünftige Richter, der Morallehrer, der Wundermann,
Johannes der Täufer - ebensoviele Gelegenheiten, den Typus zu verkennen
... Unterschätzen wir endlich das proprium aller grossen, namentlich
sektirerischen Verehrung nicht: sie löscht die originalen, oft peinlich-fremden
Züge und Idiosynkrasien an dem verehrten Wesen aus - sie sieht sie
selbst nicht. Man hätte zu bedauern, dass nicht ein Dostoiewsky in
der Nähe dieses interessantesten décadent gelebt hat, ich meine
jemand, der gerade den ergreifenden Reiz einer solchen Mischung von Sublimem,
Krankem und Kindlichem zu empfinden wusste. Ein letzter Gesichtspunkt:
der Typus könnte, als décadence-Typus, thatsächlich von
einer eigenthümlichen Vielheit und Widersprüchlichkeit gewesen
sein: eine solche Möglichkeit ist nicht völlig auszuschliessen.
Trotzdem räth Alles ab von ihr: gerade die Überlieferung würde
für diesen Fall eine merkwürdig treue und objektive sein müssen:
wovon wir Gründe haben das Gegentheil anzunehmen. Einstweilen klafft
ein Widerspruch zwischen dem Berg- See- und Wiesen-Prediger, dessen Erscheinung
wie ein Buddha auf einem sehr wenig indischen Boden anmuthet, und jenem
Fanatiker des Angriffs, dem Theologen- und Priester-Todfeind, den Renan's
Bosheit als "le grand maitre en ironie" verherrlicht hat. Ich selber zweifle
nicht daran, dass das reichliche Maass Galle (und selbst von esprit) erst
aus dem erregten Zustand der christlichen Propaganda auf den Typus des
Meisters übergeflossen ist: man kennt ja reichlich die Unbedenklichkeit
aller Sektirer, aus ihrem Meister sich ihre Apologie zurechtzumachen. Als
die erste Gemeinde einen richtenden, hadernden, zürnenden, bösartig
spitzfindigen Theologen nöthig hatte, gegen Theologen, schuf sie sich
ihren "Gott" nach ihrem Bedürfnisse: wie sie ihm auch jene völlig
unevangelischen Begriffe, die sie jetzt nicht entbehren konnte, "Wiederkunft",
"jüngstes Gericht", jede Art zeitlicher Erwartung und Verheissung
ohne Zögern in den Mund gab. -
32.
Ich wehre mich, nochmals gesagt, dagegen, dass man den Fanatiker in den
Typus des Erlösers einträgt: das Wort impérieux, das Renan
gebraucht, annullirt allein schon den Typus. Die "gute Botschaft" ist eben,
dass es keine Gegensätze mehr giebt; das Himmelreich gehört den
Kindern; der Glaube, der hier laut wird, ist kein erkämpfter Glaube,
- er ist da, er ist von Anfang, er ist gleichsam eine ins Geistige zurückgetretene
Kindlichkeit. Der Fall der verzögerten und im Organismus unausgebildeten
Pubertät als Folgeerscheinung der Degenerescenz ist wenigstens den
Physiologen vertraut. - Ein solcher Glaube zürnt nicht, tadelt nicht,
wehrt sich nicht: er bringt nicht "das Schwert", - er ahnt gar nicht, in
wiefern er einmal trennen könnte. Er beweist sich nicht, weder durch
Wunder, noch durch Lohn und Verheissung, noch gar "durch die Schrift":
er selbst ist jeden Augenblick sein Wunder, sein Lohn, sein Beweis, sein
"Reich Gottes". Dieser Glaube formulirt sich auch nicht - er lebt, er wehrt
sich gegen Formeln. Freilich bestimmt der Zufall der Umgebung, der Sprache,
der Vorbildung einen gewissen Kreis von Begriffen: das erste Christenthum
handhabt nur jüdischsemitische Begriffe (- das Essen und Trinken beim
Abendmahl gehört dahin, jener von der Kirche, wie alles jüdische,
so schlimm missbrauchte Begriff) Aber man hüte sich darin mehr als
eine Zeichenrede, eine Semiotik, eine Gelegenheit zu Gleichnissen zu sehn.
Gerade, dass kein Wort wörtlich genommen wird, ist diesem Anti-Realisten
die Vorbedingung, um überhaupt reden zu können. Unter Indern
würde er sich der Sankhyam-Begriffe, unter Chinesen der des Laotse
bedient haben - und keinen Unterschied dabei fühlen. - Man könnte,
mit einiger Toleranz im Ausdruck, Jesus einen "freien Geist" nennen - er
macht sich aus allem Festen nichts: das Wort tödtet, alles was fest
ist, tödtet. Der Begriff, die Erfahrung "Leben", wie er sie allein
kennt, widerstrebt bei ihm jeder Art Wort, Formel, Gesetz, Glaube, Dogma.
Er redet bloss vom Innersten: "Leben" oder "Wahrheit" oder "Licht" ist
sein Wort für das Innerste, - alles übrige, die ganze Realität,
die ganze Natur, die Sprache selbst, hat für ihn bloss den Werth eines
Zeichens, eines Gleichnisses. - Man darf sich an dieser Stelle durchaus
nicht vergreifen, so gross auch die Verführung ist, welche im christlichen,
will sagen kirchlichen Vorurtheil liegt: Eine solche Symbolik par excellence
steht ausserhalb aller Religion, aller Cult-Begriffe, aller Historie, aller
Naturwissenschaft, aller Welt-Erfahrung, aller Kenntnisse, aller Politik,
aller Psychologie, aller Bücher, aller Kunst - sein "Wissen" ist eben
, die reine Thorheit darüber, dass es Etwas dergleichen giebt. Die
Cultur ist ihm nicht einmal vom Hörensagen bekannt, er hat keinen
Kampf gegen sie nöthig, - er verneint sie nicht ... Dasselbe gilt
vom Staat, von der ganzen bürgerlichen Ordnung und Gesellschaft, von
der Arbeit, vom Kriege - er hat nie einen Grund gehabt, "die Welt" zu verneinen,
er hat den kirchlichen Begriff "Welt" nie geahnt ... Das Verneinen ist
eben das ihm ganz Unmögliche. - Insgleichen fehlt die Dialektik, es
fehlt die Vorstellung dafür, dass ein Glaube, eine "Wahrheit" durch
Gründe bewiesen werden könnte (- seine Beweise sind innere "Lichter",
innere Lust-Gefühle und Selbstbejahungen, lauter "Beweise der Kraft"
-) Eine solche Lehre kann auch nicht widersprechen, sie begreift gar nicht,
dass es andre Lehren giebt, geben kann , sie weiss sich ein gegentheiliges
Urtheilen gar nicht vorzustellen ... Wo sie es antrifft, wird sie aus innerstem
Mitgefühle über "Blindheit" trauern, - denn sie sieht das "Licht"
-, aber keinen Einwand machen ...
33.
In der ganzen Psychologie des "Evangeliums" fehlt der Begriff Schuld und
Strafe; insgleichen der Begriff Lohn. Die "Sünde", jedwedes Distanz-Verhältniss
zwischen Gott und Mensch ist abgeschafft, - eben das ist die "frohe Botschaft".
Die Seligkeit wird nicht verheissen, sie wird nicht an Bedingungen geknüpft.-
sie ist die einzige Realität - der Rest ist Zeichen, um von ihr zu
reden ...
Die Folge eines solchen Zustandes projicirt sich in eine neue Praktik,
die eigentlich evangelische Praktik. Nicht ein "Glaube" unterscheidet den
Christen: der Christ handelt, er unterscheidet sich durch ein andres Handeln.
Dass er dem, der böse gegen ihn ist, weder durch Wort, noch im Herzen
Widerstand leistet. Dass er keinen Unterschied zwischen Fremden und Einheimischen,
zwischen Juden und Nichtjuden macht ("der Nächste" eigentlich der
Glaubensgenosse, der Jude) Dass er sich gegen Niemanden erzürnt, Niemanden
geringschätzt. Dass er sich bei Gerichtshöfen weder sehn lässt,
noch in Anspruch nehmen lässt ("nicht schwören") Dass er sich
unter keinen Umstände<n>, auch nicht im Falle bewiesener Untreue
des Weibes, von seinem Weibe scheidet. - Alles im Grunde Ein Satz, Alles
Folgen Eines Instinkts -
Das Leben des Erlösers war nichts andres als diese Praktik, - sein
Tod war auch nichts andres ... Er hatte keine Formeln, keinen Ritus für
den Verkehr mit Gott mehr nöthig - nicht einmal das Gebet. Er hat
mit der ganzen jüdischen Buss- und Versöhnungs-Lehre abgerechnet;
er weiss, wie es allein die Praktik des Lebens ist, mit der man sich "göttlich",
"selig", "evangelisch", jeder Zeit ein "Kind Gottes" fühlt. Nicht
"Busse", nicht "Gebet um Vergebung" sind Wege zu Gott: die evangelische
Praktik allein führt zu Gott, sie eben ist "Gott" - Was mit dem Evangelium
abgethan war, das war das Judenthum der Begriffe "Sünde", "Vergebung
der Sünde", "Glaube", "Erlösung durch den Glauben" - die ganze
jüdische Kirchen-Lehre war in der "frohen Botschaft" verneint.
Der tiefe Instinkt dafür, wie man leben müsse, um sich "im
Himmel" zu fühlen, um sich "ewig" zu fühlen, während man
sich bei jedem andren Verhalten durchaus nicht "im Himmel fühlt":
dies allein ist die psychologische Realität der "Erlösung". -
Ein neuer Wandel, nicht ein neuer Glaube ...
34.
Wenn ich irgend Etwas von diesem grossen Symbolisten verstehe, so ist es
das, dass er nur innere Realitäten als Realitäten, als "Wahrheiten"
nahm, - dass er den Rest, alles Natürliche, Zeitliche, Räumliche,
Historische nur als Zeichen, als Gelegenheit zu Gleichnissen verstand.
Der Begriff "des Menschen Sohn" ist nicht eine concrete Person, die in
die Geschichte gehört, irgend etwas Einzelnes, Einmaliges, sondern
eine "ewige" Thatsächlichkeit, ein von dem Zeitbegriff erlöstes
psychologisches Symbol. Dasselbe gilt noch einmal, und im höchsten
Sinne, von dem Gott dieses typischen Symbolikers, vom "Reich Gottes", vom
"Himmelreich", von der "Kindschaft Gottes". Nichts ist unchristlicher als
die kirchlichen Cruditäten von einem Gott als Person, von einem "Reich
Gottes", welches kommt, von einem "Himmelreich" jenseits, von einem Sohne
Gottes", der zweiten Person der Trinität. Dies Alles ist - man vergebe
mir den Ausdruck - die Faust auf dem Auge - oh auf was für einem Auge!
des Evangeliums; ein welthisto-rischer Cynismus in der Verhöhnung
des Symbols ... Aber es liegt ja auf der Hand, was mit den Zeichen "Vater"
und "Sohn" angerührt wird - nicht auf jeder Hand, ich gebe es zu:
mit dem Wort "Sohn" ist der Eintritt in das Gesammt-Verklärungs-Gefühl
aller Dinge (die Seligkeit) ausgedrückt, mit dem Wort "Vater" dieses
Gefühl selbst, das Ewigkeits-, das Vollendungs-Gefühl. - Ich
schäme mich daran zu erinnern, was die Kirche aus diesem Symbolismus
gemacht hat: hat sie nicht eine Amphitryon-Geschichte an die Schwelle des
christlichen "Glaubens" gesetzt? Und ein Dogma von der "unbefleckten Empfängniss"
noch obendrein? ... Aber damit hat sie die Empfängniss befleckt -
-
Das "Himmelreich" ist ein Zustand des Herzens - nicht Etwas, das "über
der Erde" oder "nach dem Tode" kommt. Der ganze Begriff des natürlichen
Todes fehlt im Evangelium: der Tod ist keine Brücke, kein Übergang,
er fehlt, weil einer ganz andern bloss scheinbaren, bloss zu Zeichen nützlichen
Welt zugehörig. Die "Todesstunde" ist kein christlicher Begriff -
die "Stunde", die Zeit, das physische Leben und seine Krisen sind gar nicht
vorhanden für den Lehrer der "frohen Botschaft" ... Das "Reich Gottes"
ist nichts, das man erwartet; es hat kein Gestern und kein Übermorgen,
es kommt nicht in "tausend Jahren" - es ist eine Erfahrung an einem Herzen;
es ist überall da, es ist nirgends da ...
35.
Dieser "frohe Botschafter" starb wie er lebte, wie er lehrte - nicht um
"die Menschen zu erlösen", sondern um zu zeigen, wie man zu leben
hat. Die Praktik ist es, welche er der Menschheit hinterliess: sein Verhalten
vor den Richtern, vor den Häschern, vor den Anklägern und aller
Art Verleumdung und Hohn, - sein Verhalten am Kreuz. Er widersteht nicht,
er vertheidigt nicht sein Recht, er thut keinen Schritt, der das Äusserste
von ihm abwehrt, mehr noch, er fordert es heraus... Und er bittet, er leidet,
er liebt mit denen, in denen, die ihm Böses thun ... Die Worte zum
Schächer am Kreuz enthalten das ganze Evangelium. "Das ist wahrlich
ein göttlicher Mensch gewesen, ein Kind Gottes" sagt der Schächer.
"Wenn du dies fühlst - anwortet der Erlöser – so bist du im Paradiese,
so bist auch du ein Kind Gottes ..." Nicht sich wehren, nicht zürnen,
nicht verantwortlich-machen ... Sondern auch nicht dem Bösen widerstehen,
- ihn lieben...
36.
Erst wir, wir freigewordenen Geister, haben die Voraussetzung dafür,
Etwas zu verstehn, das neunzehn Jahrhunderte missverstanden haben, - jene
Instinkt und Leidenschaft gewordene Rechtschaffenheit, welche der "heiligen
Lüge" noch mehr als jeder andren Lüge den Krieg macht ... Man
war unsäglich entfernt von unsrer liebevollen und vorsichtigen Neutralität,
von jener Zucht des Geistes, mit der allein das Errathen so fremder, so
zarter Dinge ermöglicht wird: man wollte jeder Zeit, mit einer unverschämten
Selbstsucht, nur seinen Vortheil darin, man hat aus dem Gegensatz zum Evangelium
die Kirche aufgebaut ...
Wer nach Zeichen dafür suchte, dass hinter dem grossen Welten-Spiel
eine ironische Göttlichkeit die Finger handhabte, er fände keinen
kleinen Anhalt in dem ungeheuren Fragezeichen , das Christenthum heisst.
Dass die Menschheit vor dem Gegensatz dessen auf den Knien liegt, was der
Ursprung, der Sinn, das Recht des Evangeliums war, dass sie in dem Begriff
"Kirche" gerade das heilig gesprochen hat, was der "frohe Botschafter"
als unter sich, als hinter sich empfand - man sucht vergebens nach einer
grösseren Form welthistorischer Ironie -
37.
- Unser Zeitalter ist stolz auf seinen historischen Sinn: wie hat es sich
den Unsinn glaublich machen können, dass an dem Anfange des Christenthums
die grobe Wunderthäter - und Erlöser-Fabel steht, - und dass
alles Spirituale und Symbolische erst eine spätere Entwicklung ist?
Umgekehrt: die Geschichte des Christenthums - und zwar vom Tode am Kreuze
an - ist die Geschichte des schrittweise immer gröberen Missverstehns
eines ursprünglichen Symbolismus. Mit jeder Ausbreitung des Christenthums
über noch breitere, noch rohere Massen, denen die Voraussetzungen
immer mehr abgiengen, aus denen es geboren ist, wurde es nöthiger,
das Christenthum zu vulgarisiren, zu barbarisiren, - es hat Lehren und
Riten aller unterirdischen Culte des imperium Romanurn, es hat den Unsinn
aller Arten kranker Vernunft in sich eingeschluckt. Das Schicksal des Christenthums
liegt in der Nothwendigkeit, dass sein Glaube selbst so krank, so niedrig
und vulgär werden musste, als die Bedürfnisse krank, niedrig
und vulgär waren, die mit ihm befriedigt werden sollten. Als Kirche
summirt sich endlich die kranke Barbarei selbst zur Macht, - die Kirche
diese Todfeindschaftsform zu jeder Rechtschaffenheit, zu jeder Höhe
der Seele, zu jeder Zucht des Geistes, zu jeder freimüthigen und gütigen
Menschlichkeit. - Die christlichen - die vornehmen Werthe: erst wir, wir
freigewordnen Geister, haben diesen grössten Werth-Gegensatz, den
es giebt, wiederhergestellt! - -
38.
- Ich unterdrücke an dieser Stelle einen Seufzer nicht. Es giebt Tage,
wo mich ein Gefühl heimsucht, schwärzer als die schwärzeste
Melancholie - die Menschen-Verachtung. Und damit ich keinen Zweifel darüber
lasse, was ich verachte, wen ich verachte: der Mensch von heute ist es,
der Mensch, mit dem ich verhängnissvoll gleichzeitig bin. Der Mensch
von heute - ich ersticke an seinem unreinen Athem ... Gegen das Vergangne
bin ich, gleich allen Erkennenden, von einer grossen Toleranz, das heisst
grossmüthigen Selbstbezwingung: ich gehe durch die Irrenhaus-Welt
ganzer Jahrtausende, heisse sie nun "Christenthum", "christlicher Glaube",
"christliche Kirche" mit einer düsteren Vorsicht hindurch, - ich hüte
mich, die Menschheit für ihre Geisteskrankheiten verantwortlich zu
machen. Aber mein Gefühl schlägt um, bricht heraus, sobald ich
in die neuere Zeit, in unsre Zeit eintrete. Unsre Zeit ist wissend ...
Was ehemals bloss krank war, heute ward es unanständig, - es ist unanständig,
heute Christ zu sein. Und hier beginnt mein Ekel. - Ich sehe mich um: es
ist kein Wort von dem mehr übrig geblieben, was ehemals "Wahrheit"
hiess, wir halten es nicht einmal mehr aus, wenn ein Priester das Wort
"Wahrheit" auch nur in den Mund nimmt. Selbst bei dem bescheidensten Anspruch
auf Rechtschaffenheit muss man heute wissen, dass ein Theologe, ein Priester,
ein Papst mit jedem Satz, den er spricht, nicht nur irrt, sondern lügt,
- dass es ihm nicht mehr freisteht, aus "Unschuld", aus "Unwissenheit"
zu lügen. Auch der Priester weiss, so gut es Jedermann weiss, dass
es keinen "Gott" mehr giebt, keinen "Sünder", keinen "Erlöser",
- dass "freier Wille", "sittliche Weltordnung" Lügen sind: - der Ernst,
die tiefe Selbstüberwindung des Geistes erlaubt Niemandem mehr, hierüber
nicht zu wissen ... Alle Begriffe der Kirche sind erkannt als das was sie
sind, als die bösartigste Falschmünzerei, die es giebt, zum Zweck,
die Natur, die Natur-Werthe zu entwerthen; der Priester selbst ist erkannt
als das, was er ist, als die gefährlichste Art Parasit, als die eigentliche
Giftspinne des Lebens ... Wir wissen, unser Gewissen weiss es heute -,
was überhaupt jene unheimlichen Erfindungen der Priester und der Kirche
werth sind, wozu sie dienten, mit denen jener Zustand von Selbstschändung
der Menschheit erreicht worden ist, der Ekel vor ihrem Anblick machen kann
- die Begriffe "Jenseits", "jüngstes Gericht", "Unsterblichkeit der
Seele", die "Seele" selbst; es sind Folter-Instrumente, es sind Systeme
von Grausamkeiten, vermöge deren der Priester Herr wurde, Herr blieb
... Jedermann weiss das: und trotzdem bleibt Alles beim Alten. Wohin kam
das letzte Gefühl von Anstand, von Achtung vor sich selbst, wenn unsere
Staatsmänner sogar, eine sonst sehr unbefangne Art Menschen und Antichristen
der That durch und durch, sich heute noch Christen nennen und zum Abendmahl
gehn? ... Ein junger Fürst, an der Spitze seiner Regimente<r>,
prachtvoll als Ausdruck der Selbstsucht und Selbstüberhebung seines
Volks, - aber, ohne jede Scham, sich als Christen bekennend! ... Wen verneint
denn das Christenthum? was heisst es "Welt"? Dass man Soldat, dass man
Richter, dass man Patriot ist; dass man sich wehrt; dass man auf seine
Ehre hält; dass man seinen Vortheil will; dass man stolz ist ... Jede
Praktik jedes Augenblicks, jeder Instinkt, jede zur That werdende Werthschätzung
ist heute antichristlich: was für eine Missgeburt von Falschheit muss
der moderne Mensch sein, dass er sich trotzdem nicht schämt, Christ
noch zu heissen! - - -
39.
- Ich kehre zurück, ich erzähle die echte Geschichte des Christenthums.
- Das Wort schon "Christenthum" ist ein Missverständniss -, im Grunde
gab es nur Einen Christen, und der starb am Kreuz. Das "Evangelium" starb
am Kreuz. Was von diesem Augenblick an "Evangelium" heisst, war bereits
der Gegensatz dessen, was er gelebt: eine "schlimme Botschaft", ein Dysangelium.
Es ist falsch bis zum Unsinn, wenn man in einem "Glauben", etwa im Glauben
an die Erlösung durch Christus das Abzeichen des Christen sieht: bloss
die christliche Praktik, ein Leben so wie der, der am Kreuze starb, es
lebte, ist christlich ... Heute noch ist ein solches Leben möglich,
für gewisse Menschen sogar nothwendig: das echte, das ursprüngliche
Christenthum wird zu allen Zeiten möglich sein ... Nicht ein Glauben,
sondern ein Thun, ein Vieles nicht - thun vor Allem, ein andres Sein...
Bewusstseins-Zustände, irgend ein Glauben, ein Für-wahr-halten
zum Beispiel - jeder Psycholog weiss das - sind ja vollkommen gleichgültig
und fünften Ranges gegen den Werth der Instinkte: strenger geredet,
der ganze Begriff geistiger Ursächlichkeit ist falsch. Das Christ-sein,
die Christlichkeit auf ein Für-wahr-halten, auf eine blosse Bewusstseins-Phänomenalität
reduziren heisst die Christlichkeit negiren. In der That gab es gar keine
Christen. Der "Christ", das, was seit zwei Jahrtausenden Christ heisst,
ist bloss ein psychologisches Selbst-Missverständniss. Genauer zugesehn,
herrschten in ihm, trotz allem "Glauben", bloss die Instinkte - und was
für Instinkte! - Der "Glaube" war zu allen Zeiten, beispielsweise
bei Luther, nur ein Mantel, ein Vorwand, ein Vorhang, hinter dem die Instinkte
ihr Spiel spielten -, eine kluge Blindheit über die Herrschaft gewisser
Instinkte ... Der "Glaube" - ich nannte ihn schon die eigentliche christliche
Klugheit, - man sprach immer vom "Glauben", man that immer nur vom Instinkte
... In der Vorstellungs-Welt des Christen kommt Nichts vor, was die Wirklichkeit
auch nur anrührte: dagegen erkannten wir im Instinkt-Hass gegen jede
Wirklichkeit das treibende, das einzig treibende Element in der Wurzel
des Christenthums. Was folgt daraus? Dass auch in psychologicis hier der
Irrthum radikal, das heisst wesen-bestimmend, das heisst Substanz ist.
Ein Begriff hier weg, eine einzige Realität an dessen Stelle - und
das ganze Christenthum rollt in's Nichts! - Aus der Höhe gesehn, bleibt
diese fremdartigste aller Thatsachen, eine durch Irrthümer nicht nur
bedingte, sondern nur in schädlichen, nur in leben und herzvergiftenden
Irrthümern erfinderische und selbst geniale Religion ein Schauspiel
für Götter, - für jene Gottheiten, welche zugleich Philosophen
sind, und denen ich zum Beispiel bei jenen berühmten Zwiegesprächen
auf Naxos begegnet bin. Im Augenblick, wo der Ekel von ihnen weicht (-
und von uns!), werden sie dankbar für das Schauspiel des Christen:
das erbärmliche kleine Gestirn, das Erde heisst, verdient vielleicht
allein um dieses curiosen Falls willen einen göttlichen Blick, eine
göttliche Antheilnahme ... Unterschätzen wir nämlich den
Christen nicht: der Christ, falsch bis zur Unschuld, ist weit über
dem Affen, - in Hinsicht auf Christen wird eine bekannte Herkunfts-Theorie
zur blossen Artigkeit ...
40.
- Das Verhängniss des Evangeliums entschied sich mit dem Tode, - es
hieng am "Kreuz" ... Erst der Tod, dieser unerwartete schmähliche
Tod, erst das Kreuz, das im Allgemeinen bloss für die canaille aufgespart
blieb, - erst diese schauerlichste Paradoxie brachte die jünger vor
das eigentliche Räthsel: "wer war das? Was war das?" - Das erschütterte
und im Tiefsten beleidigte Gefühl, der Argwohn, es möchte ein
solcher Tod die Widerlegung ihrer Sache sein, das schreckliche Fragezeichen
"warum gerade so?" - dieser Zustand begreift sich nur zu gut. Hier musste
Alles nothwendig sein, Sinn, Vernunft, höchste Vernunft haben; die
Liebe eines jünger<s> kennt keinen Zufall. Erst jetzt trat die
Kluft auseinander: "wer hat ihn getödtet? wer war sein natürlicher
Feind?" - diese Frage sp<r>ang wie ein Blitz hervor. Antwort: das herrschende
Judenthum, sein oberster Stand. Man empfand sich von diesem Augenblick
im Aufruhr gegen die Ordnung, man verstand hinterdrein Jesus als im Aufruhr
gegen die Ordnung. Bis dahin fehlte dieser kriegerische, dieser neinsagende,
neinthuende Zug in seinem Bilde; mehr noch, er war dessen Widerspruch.
Offenbar hat die kleine Gemeinde gerade die Hauptsache nicht verstanden,
das Vorbildliche in dieser Art zu sterben, die Freiheit, die Überlegenheit
über jedes Gefühl von ressentiment: - ein Zeichen dafür,
wie wenig überhaupt sie von ihm verstand! An sich konnte Jesus mit
seinem Tode nichts wollen als öffentlich die stärkste Probe,
den Beweis seiner Lehre zu geben ... Aber seine Jünger waren ferne
davon, diesen Tod zu verzeihen, - was evangelisch im höchsten Sinne
gewesen wäre; oder gar sich zu einem gleichen Tode in sanfter und
lieblicher Ruhe des Herzens anzubieten ... Gerade das am meisten unevangelische
Gefühl, die Rache, kam wieder obenauf. Unmöglich konnte die Sache
mit diesem Tode zu Ende sein: man brauchte "Vergeltung", "Gericht" (- und
doch was kann noch unevangelischer sein als "Vergeltung", "Strafe", "Gericht-halten"!)
Noch einmal kam die populäre Erwartung eines Messias in den Vordergrund;
ein historischer Augenblick wurde in's Auge gefasst: das "Reich Gottes"
kommt zum Gericht über seine Feinde ... Aber damit ist Alles missverstanden:
das "Reich Gottes" als Schlussakt, als Verheissung! Das Evangelium war
doch gerade das Dasein, das Erfülltsein, die Wirklichkeit dieses "Reichs"
gewesen. Gerade ein solcher Tod war eben dieses "Reich Gottes" ... Jetzt
erst trug man die ganze Verachtung und Bitterkeit gegen Pharisäer
und Theologen in den Typus des Meisters ein, - man machte damit aus ihm
einen Pharisäer und Theologen! Andrerseits hielt die wildgewordne
Verehrung dieser ganz aus den Fugen gerathenen Seelen jene evangelische
Gleichberechtigung von Jedermann zum Kind Gottes, die Jesus gelehrt hatte,
nicht mehr aus: ihre Rache war, auf eine ausschweifende Weise Jesus emporzuheben,
von sich abzulösen: ganz so, wie ehedem die Juden aus Rache an ihren
Feinden ihren Gott von sich losgetrennt und in die Höhe gehoben haben.
Der Eine Gott und der Eine Sohn Gottes: Beides Erzeugnisse des ressentiment
...
41.
- Und von nun an tauchte ein absurdes Problem auf "Wie konnte Gott das
zulassen!" Darauf fand die gestörte Vernunft der kleinen Gemeinschaft
eine geradezu schrecklich absurde Antwort: Gott gab seinen Sohn zur Vergebung
der Sünden, als Opfer. Wie war es mit Einem Male zu Ende mit dem Evangelium!
Das Schuldopfer und zwar in seiner widerlichsten, barbarischsten Form,
das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Schuldigen! Welches
schauderhafte Heidenthum! - Jesus hatte ja den Begriff "Schuld" selbst
abgeschafft, - er hat jede Kluft zwischen Gott und Mensch geleugnet, erlebte
diese Einheit vom Gott als Mensch als seine "frohe Botschaft" ... Und nicht
als Vorrecht! - Von nun an tritt schrittweise in den Typus des Erlösers
hinein: die Lehre vom Gericht und von der Wiederkunft, die Lehre vom Tod
als einem Opfertode, die Lehre von der Auferstehung, mit der der ganze
Begriff "Seligkeit", die ganze und einzige Realität des Evangeliums,
eskamotirt ist - zu Gunsten eines Zustandes nach dem Tode! ... Paulus hat
diese Auffassung, diese Unzucht von Auffassung mit jener rabbinerhaften
Frechheit, die ihn in allen Stücken auszeichnet, dahin logisirt: "wenn
Christus nicht auferstanden ist von den Todten, so ist unser Glaube eitel".
- Und mit Einem Male wurde aus dem Evangelium die verächtlichste aller
unerfüllbaren Versprechungen, die unverschämte Lehre von der
Personal-Unsterblichkeit ... Paulus selbst lehrte sie noch als Lohn! ...
42.
Man sieht, was mit dem Tode am Kreuz zu Ende war: ein neuer, ein durchaus
ursprünglicher Ansatz zu einer buddhistischen Friedensbewegung, zu
einem thatsächlichen, nicht bloss verheissenen Glück auf Erden.
Denn dies bleibt - ich hob es schon hervor - der Grundunterschied zwischen
den beiden décadence-Religionen: der Buddhismus verspricht nicht,
sondern hält, das Christenthum verspricht Alles, aber hält Nichts.
- Der "frohen Botschaft" folgte auf dem Fuss die allerschlimmste: die des
Paulus. In Paulus verkörpert sich der Gegensatz-Typus zum "frohen
Botschafter", das Genie im Hass, in der Vision des Hasses, in der unerbittlichen
Logik des Hasses. Was hat dieser Dysangelist Alles dem Hasse zum Opfer
gebracht! Vor allem den Erlöser: er schlug ihn ans ein Kreuz. Das
Leben, das Beispiel, die Lehre, der Tod, der Sinn und das Recht des ganzen
Evangeliums - Nichts war mehr vorhanden, als dieser Falschmünzer aus
Hass begriff, was allein er brauchen konnte. Nicht die Realität, nicht
die historische Wahrheit! ... Und noch einmal verübte der Priester-Instinkt
des Juden das gleiche grosse Verbrechen an der Historie, - er strich das
Gestern, das Vorgestern des Christenthums einfach durch, er erfand sich
eine Geschichte des ersten Christenthums. Mehr noch: er fälschte die
Geschichte Israels nochmals um, um als Vorgeschichte für seine That
zu erscheinen: alle Propheten haben von seinem "Erlöser" geredet ...
Die Kirche fälschte später sogar die Geschichte der Menschheit
zur Vorgeschichte des Christenthums ... Der Typus des Erlösers, die
Lehre, die Praktik, der Tod, der Sinn des Todes, selbst das Nachher des
Todes - Nichts blieb unangetastet, Nichts blieb auch nur ähnlich der
Wirklichkeit. Paulus verlegte einfach das Schwergewicht jenes ganzen Daseins
hinter dies Dasein, - in die Lüge vom "wiederauferstandenen" Jesus.
Er konnte im Grunde das Leben des Erlösers überhaupt nicht brauchen,
- er hatte den Tod am Kreuz nöthig und etwas mehr noch ... Einen Paulus,
der seine Heimath an dem Hauptsitz der stoischen Aufklärung hatte,
für ehrlich halten, wenn er sich aus einer Hallucination den Beweis
vom Noch - Leben des Erlösers zurecht macht, oder auch nur seiner
Erzählung, dass er diese Hallucination gehabt hat, Glauben schenken,
wäre eine wahre niaiserie seitens eines Psychologen: Paulus wollte
den Zweck, folglich wollte er auch die Mittel ... Was er selbst nicht glaubte,
die Idioten, unter die er seine Lehre warf, glaubten es. - Sein Bedürfniss
war die Macht ; mit Paulus wollte nochmals der Priester zur Macht, - er
konnte nur Begriffe, Lehren, Symbole brauchen, mit denen man Massen tyrannisirt,
Heerden bildet. - Was allein entlehnte später Muhamed dem Christenthum?
Die Erfindung des Paulus, sein Mittel zur Priester-Tyrannei, zur Heerden-Bildung
den Unsterblichkeits-Glauben - das heisst die Lehre vom "Gericht"
43.
Wenn man das Schwergewicht des Lebens nicht in's Leben, sondern in's "Jenseits"
verlegt - in's Nichts -, so hat man dem Leben überhaupt das Schwergewicht
genommen. Die grosse Lüge von der Personal-Unsterblichkeit zerstört
jede Vernunft, jede Natur im Instinkte, - Alles, was wohlthätig, was
lebenfördernd, was zukunftverbürgend in den Instinkten ist, erregt
nunmehr Misstrauen. So zu leben, dass es keinen Sinn mehr hat, zu leben,
das wird jetzt zum "Sinn" des Lebens ... Wozu Gemeinsinn, wozu Dankbarkeit
noch für Herkunft und Vorfahren, wozu mitarbeiten, zutrauen, irgend
ein Gesammt-Wohl fördern und im Auge haben? ... Ebensoviele "Versuchungen",
ebensoviele Ablenkungen vom "rechten Weg" - "Eins ist noth" . . Dass Jeder
als "unsterbliche Seele" mit jedem gleichen Rang hat, dass in der Gesammtheit
aller Wesen das "Heil" jedes Einzelnen eine ewige Wichtigkeit in Anspruch
nehmen darf, dass kleine Mucker und Dreiviertels-Verrückte sich einbilden
dürfen, dass um ihretwillen die Gesetze der Natur beständig durchbrochen
werden - eine solche Steigerung jeder Art Selbstsucht ins Unendliche, ins
Unverschämte kann man nicht mit genug Verachtung brandmarken. Und
doch verdankt das Christenthum dieser erbarmungswürdigen Schmeichelei
vor der Personal-Eitelkeit seinen Sieg, -gerade alles Missrathene, Aufständisch-Gesinnte,
Schlechtweggekommene, den ganzen Auswurf und Abhub der Menschheit hat es
damit zu sich überredet. Das "Heil der Seele" - auf deutsch: "die
Welt dreht sich um mich" ... Das Gift der Lehre "gleiche Rechte für
Alle" - das Christenthum hat es am grundsätzlichsten ausgesät;
das Christenthum hat jedem Ehrfurchts- und Distanz-Gefühl zwischen
Mensch und Mensch, das heisst der Voraussetzung zu jeder Erhöhung,
zu jedem Wachsthum der Cultur einen Todkrieg aus den heimlichsten Winkeln
schlechter Instinkte gemacht, - es hat aus dem Ressentiment der Massen
sich seine Hauptwaffe geschmiedet gegen uns, gegen alles Vornehme, Frohe,
Hochherzige auf Erden, gegen unser Glück auf Erden ... Die "Unsterblichkeit"
jedem Petrus und Paulus zugestanden war bisher das grösste, das bösartigste
Attentat auf die vornehme Menschlichkeit. - Und unterschätzen wir
das Verhängniss nicht, das vom Christenthum aus sich bis in die Politik
eingeschlichen hat! Niemand hat heute mehr den Muth zu Sonderrechten, zu
Herrschafts-Rechten, zu einem Ehrfurchts-Gefühl vor sich und seines
Gleichen, - zu einem Pathos der Distanz ... Unsre Politik ist krank an
diesem Mangel an Muth! - Der Aristokratismus der Gesinnung wurde durch
die Seelen-Gleichheits-Lüge am unterirdischsten untergraben; und wenn
der Glaube an das "Vorrecht der Meisten" Revolutionen macht und machen
wird, das Christenthum ist es, man zweifle nicht daran, christliche Werthurtheile
sind es, welche jede Revolution bloss in Blut und Verbrechen übersetzt!
Das Christenthum ist ein Aufstand alles Am-Boden-Kriechenden gegen das,
was Höhe hat: das Evangelium der "Niedrigen" macht niedrig ...
44.
- Die Evangelien sind unschätzbar als Zeugniss für die bereits
unaufhaltsame Corruption innerhalb der ersten Gemeinde. Was Paulus später
mit dem Logiker-Cynismus eines Rabbiners zu Ende führte, war trotzdem
bloss der Verfalls-Prozess, der mit dem Tode des Erlösers begann.
- Diese Evangelien kann man nicht behutsam genug lesen; sie haben ihre
Schwierigkeiten hinter jedem Wort. Ich bekenne, man wird es mir zu Gute
halten, dass sie eben damit für einen Psychologen ein Vergnügen
ersten Ranges sind, - als Gegensatz aller naiven Verderbniss, als das Raffinement
par excellence, als Künstlerschaft in der psychologischen Verderbniss.
Die Evangelien stehn für sich. Die Bibel überhaupt verträgt
keinen Vergleich. Man ist unter Juden: erster Gesichtspunkt, um hier nicht
völlig den Faden zu verlieren. Die hier geradezu Genie werdende Selbstverstellung
ins "Heilige", unter Büchern und Menschen nie annähernd sonst
erreicht, diese Wort- und Gebärden-Falschmünzerei als Kunst ist
nicht der Zufall irgend welcher Einzel-Begabung, irgend welcher Ausnahme-Natur.
Hierzu gehört Rasse. Im Christenthum, als der Kunst, heilig zu lügen,
kommt das ganze Judenthum, eine mehrhundertjährige jüdische allerernsthafteste
Vorübung und Technik zur letzten Meisterschaft. Der Christ, diese
ultima ratio der Lüge, ist der Jude noch einmal - drei Mal selbst...
- Der grundsätzliche Wille, nur Begriffe, Symbole, Attitüden
anzuwenden, welche aus der Praxis des Priesters bewiesen sind, die Instinkt-Ablehnung
jeder andren Praxis, jeder andren Art Werth- und Nützlichkeits-Perspektive
- das ist nicht nur Tradition, das ist Erbschaft: nur als Erbschaft wirkt
es wie Natur. Die ganze Menschheit, die besten Köpfe der besten Zeiten
sogar (Einen ausgenommen, der vielleicht bloss ein Unmensch ist hat sich
täuschen lassen. Man hat das Evangelium als Buch der Unschuld gelesen
...: kein kleiner Fingerzeig dafür, mit welcher Meisterschaft hier
geschauspielert worden ist. - Freilich: würden wir sie sehen, auch
nur im Vorübergehn, alle diese wunderlichen Mucker und Kunst-Heiligen,
so wäre es am Ende, - und genau deshalb, weil ich keine Worte lese
ohne Gebärden zu sehn, mache ich mit ihnen ein Ende ... Ich halte
eine gewisse Art, die Augen aufzuschlagen, an ihnen nicht aus. - Zum Glück
sind Bücher für die Allermeisten bloss Litteratur - - Man muss
sich nicht irreführen lassen: "richtet nicht!" sagen sie, aber sie
schicken Alles in die Hölle, was ihnen im Wege steht. Indem sie Gott
richten lassen, richten sie selber; indem sie Gott verherrlichen, verherrlichen
sie sich selber; indem sie die Tugenden fordern , deren sie gerade fähig
sind - mehr noch, die sie nöthig haben, um überhaupt oben zu
bleiben -, geben sie sich den grossen Anschein eines Ringens um die Tugend,
eines Kampfes um die Herrschaft der Tugend. "Wir leben, wir sterben, wir
opfern uns für das Gute" (- die "Wahrheit", "das Licht", das "Reich
Gottes"): in Wahrheit thun sie, was sie nicht lassen können. Indem
sie nach Art von Duckmäusern sich durchdrücken, im Winkel sitzen,
im Schatten schattenhaft dahinleben, machen sie sich eine Pflicht daraus:
als Pflicht erscheint ihr Leben als Demuth, als Demuth ist es ein Beweis
mehr für Frömmigkeit ... Ah diese demüthige, keusche, barmherzige
Art von Verlogenheit! "Für uns soll die Tugend selbst Zeugniss ablegen"
... Man lese die Evangelien als Bücher der Verführung mit Moral:
die Moral wird von diesen kleinen Leuten mit Beschlag belegt, - sie wissen,
was es auf sich hat mit der Moral! Die Menschheit wird am besten genasführt
mit der Moral! – Die Realität ist, dass hier der bewussteste Auserwählten-Dünkel
die Bescheidenheit spielt: man hat sich, die "Gemeinde", die "Guten und
Gerechten" ein für alle Mal auf die Eine Seite gestellt, auf die "der
Wahrheit" - und den Rest, "die Welt", auf die andre ... Das war die verhängnissvollste
Art Grössenwahn, die bisher auf Erden dagewesen ist: kleine Missgeburten
von Muckern und Lügnern fiengen an, die Begriffe "Gott" "Wahrheit"
"Licht" "Geist" "Liebe" "Weisheit" Leben" für sich in Anspruch zu
nehmen, gleichsam als Synonyma von sich, um damit die "Welt" gegen sich
abzugrenzen, kleine Superlativ-Juden, reif für jede Art Irrenhaus,
drehten die Werthe überhaupt nach sich um, wie als ob erst der Christ
der Sinn, das Salz, das Maass, auch das letzte Gericht vom ganzen Rest
wäre ... Das ganze Verhängniss wurde dadurch allein ermöglicht,
dass schon eine verwandte, rassenverwandte Art von Grössenwahn in
der Welt war, der jüdische: sobald einmal die Kluft: zwischen Juden
und Juden-Christen sich aufriss, blieb letzteren gar keine Wahl, als dieselben
Prozeduren der Selbsterhaltung, die der jüdische Instinkt anrieth,
gegen die Juden selber anzuwenden, während die Juden sie bisher bloss
gegen alles Nicht-jüdische angewendet hatten. Der Christ ist nur ein
Jude "freieren" Bekenntnisses. -
45.
- Ich gebe ein Paar Proben von dem, was sich diese kleinen Leute in den
Kopf gesetzt, was sie ihrem Meister in den Mund gelegt haben: lauter Bekenntnisse
"schöner Seelen". -
"Und welche euch nicht aufnehmen und hören, da geht von dannen
hinaus und schüttelt den Staub ab von euren Füssen, zu einem
Zeugniss über sie. Ich sage euch.- Wahrlich, es wird Sodom und Gomorrha
am jüngsten Gerichte erträglicher ergehn, denn solcher Stadt"
(Marc. 6,11) - Wie evangelisch! ...
"Und wer der Kleinen Einen ärgert, die an mich glauben, dem wäre
es besser, dass ihm ein Mühlstein an seinen Hals gehängt würde
und er in das Meer geworfen würde" (Marc. 9,42) - Wie evangelisch!
...
"Ärgert dich dein Auge, so wirf es von dir. Es ist dir besser,
dass du einäugig in das Reich Gottes gehest, denn dass du zwei Augen
habest und werdest in das höllische Feuer geworfen; da ihr Wurm nicht
stirbt und ihr Feuer nicht erlischt" (Marc. 9, 47) - Es ist nicht gerade
das Auge gemeint ...
"Wahrlich, ich sage euch, es stehen Etliche hier, die werden den Tod
nicht schmecken, bis dass sie sehen das Reich Gottes in Kraft kommen" (Marc.
9, 1). – Gut gelogen, Löwe ...
"Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz
auf sich und folge mir nach. Denn..." (Anmerkung eines Psychologen. Die
christliche Moral wird durch ihre Denn's widerlegt: ihre "Gründe"
widerlegen, - so ist es christlich) Marc. 8, 34. -
"Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Mit welcherlei
Mass ihr messet, wird euch gemessen werden." (Matth- 7, 1) - Welcher Begriff
von Gerechtigkeit, von einem "gerechten" Richter! ...
"Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben?
Thun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr nur zu euren Brüdern
freundlich thut, was thut ihr Sonderliches? Thun nicht die Zöllner
auch also?" (Matth. 5, 46) - Princip der "christlichen Liebe": sie will
zuletzt gut bezahlt sein ...
"Denn so ihr den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, wird euch euer
Vater im Himmel auch nicht vergeben" (Matth. 6, 15) - Sehr compromittirend
für den genannten "Vater" ...
"Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch solches Alles zufallen" (<Matth 6,33>). Solches Alles.
nämlich Nahrung, Kleidung, die ganze Nothdurft des Lebens. Ein Irrthum,
bescheiden ausgedrückt ... Gleich darauf erscheint Gott als Schneider,
wenigstens in gewissen Fällen ...
"Freuet euch alsdann und hüpfet: denn siehe, euer Lohn ist gross
im Himmel. Desgleichen thaten ihre Väter den Propheten auch" (<
Luc. 6, 23 >) Unverschämtes Gesindel! Es vergleicht sich bereits mit
den Propheten ...
"Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes
in euch wohnet? So jemand den Tempel Gottes verderbet, den wird Gott verderben:
denn der Tempel Gottes ist heilig, der seid ihr" (Paul. I Cor. 3, 16) -
Dergleichen kann man nicht genug verachten ...
"Wisset ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? So denn
nun die Welt soll von euch gerichtet (werden): seid ihr denn nicht gut
genug, geringere Sachen zu richten?" (Paul. I Cor. 6, 2) Leider nicht bloss
die Rede eines Irrenhäuslers ... Dieser fürchterliche Betrüger
fährt wörtlich fort: "Wisset ihr nicht, dass wir über die
Engel richten werden? Wie viel mehr über die zeitlichen Güter!"...
"Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht? Denn
dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte,
gefiel es Gott wohl, durch thörichte Predigt selig zu machen die,
so daran glauben. Nicht viel Weise nach dem Fleische, nicht viel Gewaltige,
nicht viel Edle sind berufen. Sondern was thöricht ist vor der Welt,
das hat Gott erwählet, dass er die Weisen zu Schanden mache; und was
schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, dass er zu Schanden
mache, was stark ist. Und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat
Gott erwählet, und das da Nichts ist, dass er zu Nichte mache, was
Etwas ist. Auf dass sich vor ihm kein Fleisch rühme" (Paul. I Cor.
I, 20 ff) - Um diese Stelle, ein Zeugniss allerersten Ranges für die
Psychologie jeder Tschandala-Moral, zu verstehn, lese man die erste Abhandlung
meiner Genealogie der Moral: in ihr wurde zum ersten Mal der Gegensatz
einer vornehmen und einer aus Ressentiment und ohnmächtiger Rache
gebornen Tschandala-Moral an's Licht gestellt. Paulus war der grösste
aller Apostel der Rache ...
46.
- Was folgt daraus? Dass man gut thut, Handschuhe anzuziehn, wenn man das
neue Testament liest. Die Nähe von so viel Unreinlichkeit zwingt beinahe
dazu. Wir würden uns "erste Christen" so wenig wie polnische Juden
zum Umgang wählen: nicht dass man gegen sie auch nur einen Einwand
nöthig hätte ... Sie riechen beide nicht gut. - Ich habe vergebens
im neuen Testamente auch nur nach Einem sympathischen Zuge ausgespäht;
Nichts ist darin, was frei, gütig, offenherzig, rechtschaffen wäre.
Die Menschlichkeit hat hier noch nicht ihren ersten Anfang gemacht, - die
Instinkte der Reinlichkeit fehlen ... Es giebt nur schlechte Instinkte
im neuen Testament, es giebt keinen Muth selbst zu diesen schlechten Instinkten.
Alles ist Feigheit, Alles ist Augen-Schliessen und Selbstbetrug darin.
Jedes Buch wird reinlich, wenn man eben das neue Testament gelesen hat:
ich las, um ein Beispiel zu geben, mit Entzücken unmittelbar nach
Paulus jenen anmuthigsten, übermüthigsten Spötter Petronius,
von dem man sagen könnte, was Domenico Boccaccio über Cesare
Borgia an den Herzog von Parma schrieb: "é tutto festo" - unsterblich
gesund, unsterblich heiter und wohlgerathen ... Diese kleinen Mucker verrechnen
sich nämlich in der Hauptsache. Sie greifen an, aber Alles, was von
ihnen angegriffen wird, ist damit ausgezeichnet. Wen ein "erster Christ"
angreift, den besudelt er nicht ... Umgekehrt: es ist eine Ehre, "erste
Christen" gegen sich zu haben. Man liest das neue Testament nicht ohne
eine Vorliebe für das, was darin misshandelt wird, - nicht zu reden
von der "Weisheit dieser Welt", welche ein frecher Windmacher "durch thörichte
Predigt" umsonst zu Schanden zu machen sucht ... Aber selbst die Pharisäer
und Schriftgelehrten haben ihren Vortheil von einer solchen Gegnerschaft:
sie müssen schon etwas werth gewesen sein, um auf eine so unanständige
Weise gehasst zu werden. Heuchelei - das wäre ein Vorwurf, den "erste
Christen" machen dürften! - Zuletzt waren es die Privilegirten: dies
genügt, der Tschandala-Hass braucht keine Gründe mehr. Der "erste
Christ" - ich fürchte, auch der "letzte Christ", den ich vielleicht
noch erleben werde- ist Rebell gegen alles Privilegirte aus unterstem Instinkte,
- er lebt, er kämpft immer für "gleiche Rechte" ... Genauer zugesehn,
hat er keine Wahl. Will man, für seine Person, ein "Auserwählter
Gottes" sein - oder ein "Tempel Gottes", oder ein "Richter der Engel" -,
so ist jedes andre Princip der Auswahl, zum Beispiel nach Rechtschaffenheit,
nach Geist, nach Männlichkeit und Stolz, nach Schönheit und Freiheit
des Herzens, einfach "Welt", - das Böse an sich ... Moral: jedes Wort
im Munde eines "ersten Christen" ist eine Lüge, jede Handlung, die
er thut, eine Instinkt-Falschheit, - alle seine Werthe, alle seine Ziele
sind schädlich, aber wen er hasst, was er hasst, das hat Werth ...
Der Christ, der Priester-Christ in Sonderheit, ist ein Kriterium für
Werthe - - Habe ich noch zu sagen, dass im ganzen neuen Testament bloss
eine einzige Figur vorkommt, die man ehren muss? Pilatus, der römische
Statthalter. Einen Judenhandel ernst zu nehmen - dazu überredet er
sich nicht. Ein Jude mehr oder weniger - was liegt daran? ... Der vornehme
Hohn eines Römers, vor dem ein unverschämter Missbrauch mit dem
Wort "Wahrheit" getrieben wird, hat das neue Testament mit dem einzigen
Wort bereichert, das Werth hat, - das seine Kritik, seine Vernichtung selbst
ist: "was ist Wahrheit!" ...
47.
- Das ist es nicht, was uns abscheidet, dass wir keinen Gott wiederfinden,
weder in der Geschichte, noch in der Natur, noch hinter der Natur, - sondern
dass wir, was als Gott verehrt wurde, nicht als "göttlich", sondern
als erbarmungswürdig, als absurd, als schädlich empfinden, nicht
nur als Irrthum, sondern als Verbrechen am Leben ... Wir leugnen Gott als
Gott ... Wenn man uns diesen Gott der Christen bewiese, wir würden
ihn noch weniger zu glauben wissen. - In Formel: deus, qualem Paulus creavit,
dei negatio. - Eine Religion, wie das Christenthum, die sich an keinem
Punkte mit der Wirklichkeit berührt, die sofort dahinfällt, sobald
die Wirklichkeit auch nur an Einem Punkte zu Rechte kommt, muss billiger
Weise der "Weisheit der Welt", will sagen der Wissenschaft, todtfeind sein,
- sie wird alle Mittel gut heissen, mit denen die Zucht des Geistes, die
Lauterkeit und Strenge in Gewissenssachen des Geistes, die vornehme Kühle
und Freiheit des Geistes vergiftet, verleumdet, verrufen gemacht werden
kann. Der "Glaube" als Imperativ ist das Veto gegen die Wissenschaft, -
in praxi die Lüge um jeden Preis ... Paulus begriff, dass die Lüge
- dass "der Glaube" noth that; die Kirche begriff später wieder Paulus.
- jener "Gott", den Paulus sich erfand, ein Gott, der "die Weisheit der
Welt" (im engern Sinn die beiden grossen Gegnerinnen alles Aberglaubens,
Philologie und Medizin) "zu Schanden macht", ist in Wahrheit nur der resolute
Entschluss des Paulus selbst dazu: "Gott" seinen eignen Willen zu nennen,
thora, das ist urjüdisch. Paulus will "die Weisheit der Welt" zu Schanden
machen: seine Feinde sind die guten Philologen und Ärzte alexandrinischer
Schulung -, ihnen macht er den Krieg. In der That, man ist nicht Philolog
und Arzt, ohne nicht zugleich auch Antichrist zu sein. Als Philolog schaut
man nämlich hinter die "heiligen Bücher", als Arzt hinter die
physiologische Verkommenheit des typischen Christen. Der Arzt sagt "unheilbar",
der Philolog "Schwindel"
48.
- Hat man eigentlich die berühmte Geschichte verstanden, die am Anfang
der Bibel steht, - von der Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft?
... Man hat sie nicht verstanden. Dies Priester-Buch par excellence beginnt,
wie billig, mit der grossen inneren Schwierigkeit des Priesters: er hat
nur Eine grosse Gefahr, folglich hat "Gott" nur Eine grosse Gefahr. -
Der alte Gott, ganz "Geist", ganz Hohe<r>priester, ganz Vollkommenheit,
lustwandelt in seinem Garten: nur dass er sich langweilt. Gegen die Langeweile
kämpfen Götter selbst vergebens. Was thut er? Er erfindet den
Menschen, - der Mensch ist unterhaltend ... Aber siehe da, auch der Mensch
langweilt sich. Das Erbarmen Gottes mit der einzigen Noth, die alle Paradiese
an sich haben, kennt keine Grenzen: er schuf alsbald noch andre Thiere.
Erster Fehlgriff Gottes: der Mensch fand die Thiere nicht unterhaltend,
- er herrschte über sie, er wollte nicht einmal "Thier" sein. - Folglich
schuf Gott das Weib. Und in der That, mit der Langeweile hatte es nun ein
Ende, - aber auch mit Anderem noch! Das Weib war der zweite Fehlgriff Gottes.
- "Das Weib ist seinem Wesen nach Schlange, Heva" - das weiss jeder Priester;
"vom Weib kommt jedes Unheil in der Welt" - das weiss ebenfalls jeder Priester.
"Folglich kommt von ihm auch die Wissenschaft" ... Erst durch das Weib
lernte der Mensch vom Baume der Erkenntniss kosten. - Was war geschehn?
Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch selbst war sein
grösster Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen,
die Wissenschaft macht gottgleich , - es ist mit Priestern und Göttern
zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird! - Moral: die Wissenschaft
ist das Verbotene an sich, - sie allein ist verboten. Die Wissenschaft
ist die erste Sünde, der Keim aller Sünde, die Erbsünde.
Dies allein ist Moral. - "Du sollst nicht erkennen". - der Rest folgt daraus.
- Die Höllenangst Gottes verhinderte ihn nicht, klug zu sein. Wie
wehrt man sich gegen die Wissenschaft? das wurde für lange sein Hauptproblem.
Antwort: fort mit dem Menschen aus dem Paradiese! Das Glück, der Müssiggang
bringt auf Gedanken, - alle Gedanken sind schlechte Gedanken ... Der Mensch
soll nicht denken. - Und der "Priester an sich" erfindet die Noth, den
Tod, die Lebensgefahr der Schwangerschaft, jede Art von Elend, Alter, Mühsal,
die Krankheit vor Allem, - lauter Mittel im Kampfe mit der Wissenschaft!
Die Noth erlaubt dem Menschen nicht, zu denken ... Und trotzdem! entsetzlich!
Das Werk der Erkenntniss thürmt sich auf, himmelstürmend, götter-andämmernd,
- was thun! - Der alte Gott erfindet den Krieg, er trennt die Völker,
er macht, dass die Menschen sich gegenseitig vernichten (die Priester haben
immer den Krieg nöthig gehabt ... ) Der Krieg - unter Anderem ein
grosser Störenfried der Wissenschaft! - Unglaublich! Die Erkenntniss,
die Emancipation vom Priester, nimmt selbst trotz Kriegen zu. - Und ein
letzter Entschluss kommt dem alten Gott: "der Mensch ward wissenschaftlich,
- es hilft Nichts, man muss ihn ersäufen!"...
49.
- Man hat mich verstanden. Der Anfang der Bibel enthält die ganze
Psychologie des Priesters. - Der Priester kennt nur Eine grosse Gefahr:
das ist die Wissenschaft - der gesunde Begriff von Ursache und Wirkung.
Aber die Wissenschaft gedeiht im Ganzen nur unter glücklichen Verhältnissen,
- man muss Zeit, man muss Geist überflüssig haben, um zu "erkennen"
... "Folglich muss man den Menschen unglücklich machen", - dies war
zu jeder Zeit die Logik des Priesters. - Man erräth bereits, was,
dieser Logik gemäss, damit erst in die Welt gekommen ist: - die "Sünde"
... Der Schuld- und Strafbegriff, die ganze "sittliche Weltordnung" ist
erfunden gegen die Wissenschaft, - gegen die Ablösung des Menschen
vom Priester ... Der Mensch soll nicht hinaus, er soll in sich hinein sehn;
er soll nicht klug und vorsichtig, als Lernender, in die Dinge sehn, er
soll überhaupt gar nicht sehn: er soll leiden... Und er soll so leiden,
dass er jeder Zeit den Priester nöthig hat. - Weg mit den Ärzten!
Man hat einen Heiland nöthig.- Der Schuld- und Strafbegriff, eingerechnet
die Lehre von der "Gnade", von der "Erlösung", von der "Vergebung"
- Lügen durch und durch und ohne jede psychologische Realität
- sind erfunden, um den Ursachen-Sinn des Menschen zu zerstören: sie
sind das Attentat gegen den Begriff Ursache und Wirkung! - Und nicht ein
Attentat mit der Faust, mit dem Messer, mit der Ehrlichkeit in Hass und
Liebe! Sondern aus den feigsten, listigsten, niedrigsten Instinkten heraus!
Ein Priester-Attentat! Ein Parasiten-Attentat! Ein Vampyrismus bleicher
unterirdischer Blutsauger! ... Wenn die natürlichen Folgen einer That
nicht mehr "natürlich" sind, sondern durch Begriffs-Gespenster des
Aberglaubens, durch "Gott", durch "Geister", durch "Seelen" bewirkt gedacht
werden, als bloss "moralische" Consequenzen, als Lohn, Strafe, Wink, Erziehungsmittel,
so ist die Voraussetzung zur Erkenntniss zerstört, - so hat man das
grösste Verbrechen an der Menschheit begangen. - Die Sünde, nochmals
gesagt, diese Selbstschändungs-Form des Menschen par excellence, ist
erfunden, um Wissenschaft, um Cultur, um jede Erhöhung und Vornehmheit
des Menschen unmöglich zu machen; der Priester herrscht durch die
Erfindung der Sünde. -
50.
- Ich erlasse mir an dieser Stelle eine Psychologie des "Glaubens", der
"Gläubigen" nicht, zum Nutzen, wie billig, gerade der "Gläubigen".
Wenn es heute noch an solchen nicht fehlt, die es nicht wissen, inwiefern
es unanständig ist, "gläubig" zu sein - oder ein Abzeichen von
décadence, von gebrochnem Willen zum Leben -, morgen schon werden
sie es wissen. Meine Stimme erreicht auch die Harthörigen. - Es scheint,
wenn anders ich mich nicht verhört habe, dass es unter Christen eine
Art Criterium der Wahrheit giebt, das man "den Beweis der Kraft" nennt.
"Der Glaube macht selig: also ist er wahr." - Man dürfte hier zunächst
einwenden, dass gerade das Seligmachen nicht bewiesen, sondern nur versprochen
ist: die Seligkeit an die Bedingung des "Glaubens" geknüpft, - man
soll selig werden, weil man glaubt ... Aber dass thatsächlich eintritt,
was der Priester dem Gläubigen für das jeder Controle unzugängliche
"Jenseits" verspricht, womit bewiese sich das? - Der angebliche "Beweis
der Kraft" ist also im Grunde wieder nur ein Glaube daran, dass die Wirkung
nicht ausbleibt, welche man sich vom Glauben verspricht. In Formel: "ich
glaube, dass der Glaube selig macht; - folglich ist er wahr." - Aber damit
sind wir schon am Ende. Dies "folglich" wäre das absurdum selbst als
Criterium der Wahrheit. - Setzen wir aber, mit einiger Nachgiebigkeit,
dass das Seligmachen durch den Glauben bewiesen sei - nicht nur gewünscht,
nicht nur durch den etwas verdächtigen Mund eines Priesters versprochen:
wäre Seligkeit, - technischer geredet, Lust jemals ein Beweis der
Wahrheit?
So wenig, dass es beinahe den Gegenbeweis, jedenfalls den höchsten
Argwohn gegen "Wahrheit" abgiebt, wenn Lustempfindungen über die Frage
"was ist wahr" mitreden. Der Beweis der "Lust" ist ein Beweis für
"Lust", - nichts mehr; woher um Alles in der Welt stünde es fest,
dass gerade wahre Urtheile mehr Vergnügen machten als falsche, und,
gemäss einer prästabilirten Harmonie, angenehme Gefühle
mit Nothwendigkeit hinter sich drein zögen? - Die Erfahrung aller
strengen, aller tief gearteten Geister lehrt das Umgekehrte. Man hat jeden
Schritt breit Wahrheit sich abringen müssen, man hat fast Alles dagegen
preisgeben müssen, woran sonst das Herz, woran unsre Liebe, unser
Vertrauen zum Leben hängt. Es bedarf Grösse der Seele dazu: der
Dienst der Wahrheit ist der härteste Dienst. - Was heisst denn rechtschaffen
sein in geistigen Dingen? Dass man streng gegen sein Herz ist, dass man
die "Schönen Gefühle" verachtet, dass man sich aus jedem Ja und
Nein ein Gewissen macht! - - - Der Glaube macht selig: folglich lügt
er ...
51.
Dass der Glaube unter Umständen selig macht, dass Seligkeit aus einer
fixen Idee noch nicht eine wahre Idee macht, dass der Glaube keine Berge
versetzt, wohl aber Berge hinsetzt, wo es keine giebt: ein flüchtiger
Gang durch ein Irrenhaus klärt zur Genüge darüber auf. Nicht
freilich einen Priester: denn der leugnet aus Instinkt, dass Krankheit
Krankheit, dass Irrenhaus Irrenhaus ist. Das Christenthum hat die Krankheit
nöthig, ungefähr wie das Griechenthum einen Überschuss von
Gesundheit nöthig hat, - krank - machen ist die eigentliche Hinterabsicht
des ganzen Heilsprozeduren-System's der Kirche. Und die Kirche selbst -
ist sie nicht das katholische Irrenhaus als letztes Ideal? - Die Erde überhaupt
als Irrenhaus? - Der religiöse Mensch, wie ihn die Kirche will, ist
ein typischer décadent; der Zeitpunkt, wo eine religiöse Krisis
über ein Volk Herr wird, ist jedes Mal durch Nerven-Epidemien gekennzeichnet;
die "innere Welt" des religiösen Menschen sieht der "inneren Welt"
der Überreizten und Erschöpften zum Verwechseln ähnlich;
die "höchsten" Zustände, welche das Christenthum als Werth aller
Werthe über der Menschheit aufgehängt hat, sind epileptoide Formen,
- die Kirche hat nur Verrückte oder grosse Betrüger in majorem
dei honorem heilig gesprochen ... Ich habe mir einmal erlaubt, den ganzen
christlichen Buss- und Erlösungstraining (den man heute am besten
in England studirt) als eine methodisch erzeugte folie circulaire zu bezeichnen,
wie billig, auf einem bereits dazu vorbereiteten, das heisst gründlich
morbiden Boden. Es steht Niemandem frei, Christ zu werden: man wird nicht
zum Christenthum "bekehrt", - man muss krank genug dazu sein ... Wir Anderen,
die wir den Muth zur Gesundheit und auch zur Verachtung haben, wie dürfen
wir eine Religion verachten, die den Leib missverstehn lehrte! die den
Seelen-Aberglauben nicht loswerden will! die aus der unzureichenden Ernährung
ein "Verdienst" macht! die in der Gesundheit eine Art Feind, Teufel, Versuchung
bekämpft! die sich einredete, man könne eine "vollkommne Seele"
in einem Cadaver von Leib herumtragen, und dazu nöthig hatte, einen
neuen Begriff der "Vollkommenheit" sich zurecht zu machen, ein bleiches,
krankhaftes, idiotisch-schwärmerisches Wesen, die sogenannte "Heiligkeit",
- Heiligkeit, selbst bloss eine Symptomen-Reihe des verarmten, entnervten,
unheilbar verdorbenen Leibes! ... Die christliche Bewegung, als eine europäische
Bewegung, ist von vornherein eine Gesammt-Bewegung der Ausschuss- und Abfalls-Elemente
aller Art: - diese will mit dem Christenthum zur Macht. Sie drückt
nicht den Niedergang einer Rasse aus, sie ist eine Aggregat-Bildung sich
zusammendrängender und sich suchender Décadence-Formen von
überall. Es ist nicht, wie man glaubt, die Corruption des Alterthums
selbst, des vornehmen Alterthums, was das Christenthum ermöglichte:
man kann dem gelehrten Idiotismus, der auch heute noch so Etwas aufrecht
erhält, nicht hart genug widersprechen. In der Zeit, wo die kranken,
verdorbenen Tschandala-Schichten im ganzen imperium sich christianisirten,
war gerade der Gegentypus, die Vornehmheit, in ihrer schönsten und
reifsten Gestalt vorhanden. Die grosse Zahl wurde Herr; der Demokratismus
der christlichen Instinkte siegte ... Das Christenthum war nicht "national",
nicht rassebedingt, - es wendete sich an jede Art von Enterbten des Lebens,
es hatte seine Verbündeten überall. Das Christenthum hat die
rancune der Kranken auf dem Grunde, den Instinkt gegen die Gesunden, gegen
die Gesundheit gerichtet. Alles Wohlgerathene, Stolze, Übermüthige,
die Schönheit vor Allem thut ihm in Ohren und Augen weh. Nochmals
erinnre ich an das unschätzbare Wort des Paulus. "Was schwach ist
vor der Welt, was thöricht ist vor der Welt, das Unedle und Verachtete
vor der Welt hat Gott erwählt": das war die Formel, in hoc signo siegte
die décadence. - Gott am Kreuze - versteht man immer noch die furchtbare
Hintergedanklichkeit dieses Symbols nicht? - Alles, was leidet, Alles,
was am Kreuze hängt, ist göttlich ... Wir Alle hängen am
Kreuze, folglich sind wir göttlich ... Wir allein sind göttlich
... Das Christenthum war ein Sieg, eine vornehmere Gesinnung gieng an ihm
zu Grunde, - das Christenthum war bisher das grösste Unglück
der Menschheit. - -
52.
Das Christenthum steht auch im Gegensatz zu aller geistigen Wohlgerathenheit,
- es kann nur die kranke Vernunft als christliche Vernunft brauchen, es
nimmt die Partei alles Idiotischen, es spricht den Fluch aus gegen den
"Geist", gegen die superbia des gesunden Geistes. Weil die Krankheit zum
Wesen des Christenthums gehört, muss auch der typisch christliche
Zustand, "der Glaube", eine Krankheitsform sein, müssen alle geraden,
rechtschaffnen, wissenschaftlichen Wege zur Erkenntniss von der Kirche
als verbotene Wege abgelehnt werden. Der Zweifel bereits ist eine Sünde
... Der vollkommne Mangel an psychologischer Reinlichkeit beim Priester
- im Blick sich verrathend - ist eine Folge erscheinung der décadence,
- man hat die hysterischen Frauenzimmer, andrerseits rhachitisch angelegte
Kinder darauf hin zu beobachten, wie regelmässig Falschheit aus Instinkt,
Lust zu lügen, um zu lügen, Unfähigkeit zu geraden Blicken
und Schritten der Ausdruck von décadence ist. "Glaube" heisst Nicht-wissen-wollen,
was wahr ist. Der Pietist, der Priester beiderlei Geschlechts, ist falsch,
weil er krank ist: sein Instinkt verlangt, dass die Wahrheit an keinem
Punkt zu Rechte kommt. "Was krank macht, ist gut; was aus der Fülle,
aus dem Überfluss, aus der Macht kommt, ist böse" so empfindet
der Gläubige. Die Unfreiheit zur Lüge daran errathe ich jeden
vorherbestimmten Theologen. - Ein andres Abzeichen des Theologen ist sein
Unvermögen zur Philologie. Unter Philologie soll hier, in einem sehr
allgemeinen Sinne, die Kunst, gut zu lesen, verstanden werden, - Thatsachen
ablesen können, ohne sie durch Interpretation zu fälschen, ohne
im Verlangen nach Verständniss die Vorsicht, die Geduld, die Feinheit
zu verlieren. Philologie als Ephexis in der Interpretation: handle es sich
nun um Bücher, um Zeitungs-Neuigkeiten, um Schicksale oder Wetter-Thatsachen,
- nicht zu reden vom "Heil der Seele" ... Die Art, wie ein Theolog, gleichgültig
ob in Berlin oder in Rom, ein "Schriftwort" auslegt oder ein Erlebniss,
einen Sieg des vaterländischen Heers zum Beispiel unter der höheren
Beleuchtung der Psalmen Davids, ist immer dergestalt kühn, dass ein
Philolog dabei an allen Wänden emporläuft. Und was soll er gar
anfangen, wenn Pietisten und andre Kühe aus dem Schwabenlande den
armseligen Alltag und Stubenrauch ihres Daseins mit dem "Finger Gottes"
zu einem Wunder von "Gnade", von "Vorsehung", von "Heilserfahrungen" zurechtmachen!
Der bescheidenste Aufwand von Geist, um nicht zu sagen von Anstand, müsste
diese Interpreten doch dazu bringen, sich des vollkommen Kindischen und
Unwürdigen eines solchen Missbrauchs der göttlichen Fingerfertigkeit
zu überführen. Mit einem noch so kleinen Maasse von Frömmigkeit
im Leibe sollte uns ein Gott, der zur rechten Zeit vom Schnupfen kurirt
oder der uns in einem Augenblick in die Kutsche steigen heisst, wo gerade
ein grosser Regen losbricht, ein so absurder Gott sein, dass man ihn abschaffen
müsste, selbst wenn er existirte. Ein Gott als Dienstbote, als Briefträger,
als Kalendermann, - im Grunde ein Wort für die dümmste Art aller
Zufälle ... Die "göttliche Vorsehung", wie sie heute noch ungefähr
jeder dritte Mensch im "gebildeten Deutschland" glaubt, wäre ein Einwand
gegen Gott, wie er stärker gar nicht gedacht werden könnte. Und
in jedem Fall ist er ein Einwand gegen Deutsche! ...
53.
Dass Märtyrer Etwas für die Wahrheit einer Sache beweisen, ist
so wenig wahr, dass ich leugnen möchte, es habe je ein Märtyrer
überhaupt Etwas mit der Wahrheit zu thun gehabt. In dem Tone, mit
dem ein Märtyrer sein Für-wahr-halten der Welt an den Kopf wirft,
drückt sich bereits ein so niedriger Grad intellektueller Rechtschaffenheit,
eine solche Stumpfheit für die Frage Wahrheit aus, dass man einen
Märtyrer nie zu widerlegen braucht. Die Wahrheit ist Nichts, was Einer
hätte und ein Andrer nicht hätte: so können höchstens
Bauern oder Bauern-Apostel nach Art Luther's über die Wahrheit denken.
Man darf sicher sein, dass je nach dem Grade der Gewissenhaftigkeit in
Dingen des Geistes die Bescheidenheit, die Bescheidung in diesem Punkte
immer grösser wird. In fünf Sachen wissen, und mit zarter Hand
es ablehnen, sonst zu wissen... "Wahrheit", wie das Wort jeder Prophet,
jeder Sektirer, jeder Freigeist, jeder Socialist, jeder Kirchenmann versteht,
ist ein vollkommner Beweis dafür, dass auch noch nicht einmal der
Anfang mit jener Zucht des Geistes und Selbstüberwindung gemacht ist,
die zum Finden irgend einer kleinen, noch so kleinen Wahrheit noth thut.
- Die Märtyrer-Tode, anbei gesagt, sind ein grosses Unglück in
der Geschichte gewesen: sie verführten... Der Schluss aller Idioten,
Weib und Volk eingerechnet, dass es mit einer Sache, für die jemand
in den Tod geht (oder die gar, wie das erste Christenthum, todsüchtige
Epidemien erzeugt) Etwas auf sich hat, - dieser Schluss ist der Prüfung,
dem Geist der Prüfung und Vorsicht unsäglich zum Hemmschuh geworden.
Die Märtyrer schadeten der Wahrheit ... Auch heute noch bedarf es
nur einer Crudität der Verfolgung, um einer an sich noch so gleichgültigen
Sektirerei einen ehrenhaften Namen zu schaffen. - Wie? ändert es am
Werthe einer Sache Etwas, dass jemand für sie sein Leben lässt?
- Ein Irrthum, der ehrenhaft wird, ist ein Irrthum, der einen Verführungsreiz
mehr besitzt: glaubt ihr, dass wir euch Anlass geben würden, ihr Herrn
Theologen, für eure Lüge die Märtyrer zu machen? - Man widerlegt
eine Sache, indem man sie achtungsvoll auf's Eis legt, - ebenso widerlegt
man auch Theologen ... Gerade das war die welthistorische Dummheit aller
Verfolger, dass sie der gegnerischen Sache den Anschein des Ehrenhaften
gaben, - dass sie ihr die Fascination des Martyriums zum Geschenk machten...
Das Weib liegt heute noch auf den Knien vor einem Irrthum, weil man ihm
gesagt hat, dass jemand dafür am Kreuze starb. Ist denn das Kreuz
ein Argument? - - Aber über alle diese Dinge hat Einer allein das
Wort gesagt, das man seit Jahrtausenden nöthig gehabt hätte,
- Zarathustra.
Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie giengen, und ihre Thorheit
lehrte, dass man mit Blut Wahrheit beweise.
Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die
reinste Lehre noch zu Wahn und Hass der Herzen.
Und wenn Einer durch's Feuer gienge für seine Lehre, - was beweist
dies! Mehr ist's wahrlich, dass aus eignem Brande die eigne Lehre kommt.
54.
Man lasse sich nicht irreführen: grosse Geister sind Skeptiker. Zarathustra
ist ein Skeptiker. Die Stärke, die Freiheit aus der Kraft und Überkraft
des Geistes beweist sich durch Skepsis. Menschen der Überzeugung kommen
für alles Grundsätzliche von Werth und Unwerth gar nicht in Betracht.
Überzeugungen sind Gefängnisse. Das sieht nicht weit genug, das
sieht nicht unter sich: aber um über Werth und Unwerth mitreden zu
dürfen, muss man fünfhundert Überzeugungen unter sich sehn,
- hinter sich sehn ... Ein Geist, der Grosses will, der auch die Mittel
dazu will, ist mit Nothwendigkeit Skeptiker. Die Freiheit von jeder Art
Überzeugungen gehört zur Stärke, das Frei-Blicken-können
... Die grosse Leidenschaft, der Grund und die Macht seines Seins, noch
aufgeklärter, noch despotischer als er selbst es ist, nimmt seinen
ganzen Intellekt in Dienst; sie macht unbedenklich; sie giebt ihm Muth
sogar zu unheiligen Mitteln; sie gönnt ihm unter Umständen Überzeugungen.
Die Überzeugung als Mittel: Vieles erreicht man nur mittelst einer
Überzeugung. Die grosse Leidenschaft braucht, verbraucht Überzeugungen,
sie unterwirft sich ihnen nicht, - sie weiss sich souverain. - Umgekehrt:
das Bedürfniss nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem von Ja
und Nein, der Carlylismus, wenn man mir dies Wort nachsehn will, ist ein
Bedürfniss der Schwäche. Der Mensch des Glaubens, der "Gläubige"
jeder Art ist nothwendig ein abhängiger Mensch, - ein Solcher, der
sich nicht als Zweck, der von sich aus überhaupt nicht Zwecke ansetzen
kann. Der "Gläubige" gehört sich nicht, er kann nur Mittel sein,
er muss verbraucht werden, er hat jemand nöthig, der ihn verbraucht.
Sein Instinkt giebt einer Moral der Entselbstung die höchste Ehre:
zu ihr überredet ihn Alles, seine Klugheit, seine Erfahrung, seine
Eitelkeit. Jede Art Glaube ist selbst ein Ausdruck von Entselbstung, von
Selbst-Entfremdung ... Erwägt man, wie nothwendig den Allermeisten
ein Regulativ ist, das sie von aussen her bindet und festmacht, wie der
Zwang, in einem höheren Sinn die Sklaverei, die einzige und letzte
Bedingung ist, unter der der willensschwächere Mensch, zumal das Weib,
gedeiht: so versteht man auch die Überzeugung, den "Glauben". Der
Mensch der Überzeugung hat in ihr sein Rückgrat. Viele Dinge
nicht sehn, in keinem Punkte unbefangen sein, Partei sein durch und durch,
eine strenge und nothwendige Optik in allen Werthen haben - das allein
bedingt es, dass eine solche Art Mensch überhaupt besteht. Aber damit
ist sie der Gegensatz, der Antagonist des Wahrhaftigen, - der Wahrheit
... Dem Gläubigen steht es nicht frei, für die Frage "wahr" und
"unwahr" überhaupt ein Gewissen zu haben: rechtschaffen sein an dieser
Stelle wäre sofort sein Untergang. Die pathologische Bedingtheit seiner
Optik macht aus dem Überzeugten den Fanatiker - Savonarola, Luther,
Rousseau, Robespierre, Saint-Simon - den Gegensatz-Typus des starken, des
freigewordnen Geistes. Aber die grosse Attitüde dieser kranken Geister,
dieser Epileptiker des Begriffs, wirkt auf die grosse Masse, - die Fanatiker
sind pittoresk, die Menschheit sieht Gebärden lieber als dass sie
Gründe hört ...
55.
- Einen Schritt weiter in der Psychologie der Überzeugung, des "Glaubens".
Es ist schon lange von mir zur Erwägung anheimgegeben worden, ob nicht
die Überzeugungen gefährlichere Feinde der Wahrheit sind als
die Lügen (Menschliches, Allzumenschliches S. <331>) Dies Mal möchte
ich die entscheidende Frage thun: besteht zwischen Lüge und Überzeugung
überhaupt ein Gegensatz? - Alle Welt glaubt es; aber was glaubt nicht
alle Welt! - Eine jede Überzeugung hat ihre Geschichte, ihre Vorformen,
ihre Tentativen und Fehlgriffe: sie wird Überzeugung, nachdem sie
es lange nicht ist, nachdem sie es noch länger kaum ist. Wie? könnte
unter diesen Embryonal-Formen der Überzeugung nicht auch die Lüge
sein? - Mitunter bedarf es bloss eines Personen-Wechsels: im Sohn wird
Überzeugung, was im Vater noch Lüge war. - Ich nenne Lüge
Etwas nicht sehn wollen, das man sieht, Etwas nicht so sehn wollen, wie
man es sieht: ob die Lüge vor Zeugen oder ohne Zeugen statt hat, kommt
nicht in Betracht. Die gewöhnlichste Lüge ist die, mit der man
sich selbst belügt; das Belügen Andrer ist relativ der Ausnahmefall.
- Nun ist dies Nicht-sehn-wollen, was man sieht, dies Nicht-so-sehn-wollen,
wie man es sieht, beinahe die erste Bedingung für Alle, die Partei
sind in irgend welchem Sinne: der Parteimensch wird mit Nothwendigkeit
Lügner. Die deutsche Geschichtsschreibung zum Beispiel ist überzeugt,
dass Rom der Despotismus war, dass die Germanen den Geist der Freiheit
in die Welt gebracht haben: welcher Unterschied ist zwischen dieser Überzeugung
und einer Lüge? Darf man sich noch darüber wundern, wenn, aus
Instinkt, alle Parteien, auch die deutschen Historiker, die grossen Worte
der Moral im Munde haben, - dass die Moral beinahe dadurch fortbesteht,
dass der Parteimensch jeder Art jeden Augenblick sie nöthig hat? -
"Dies ist unsre Überzeugung: wir bekennen sie vor aller Welt, wir
leben und sterben für sie, - Respekt vor Allem, was Überzeugungen
hat!" - dergleichen habe ich sogar aus dem Mund von Antisemiten gehört.
Im Gegentheil, meine Herrn! Ein Antisemit wird dadurch durchaus nicht anständiger,
dass er aus Grundsatz lügt ... Die Priester, die in solchen Dingen
feiner sind und den Einwand sehr gut verstehn, der im Begriff einer Überzeugung,
das heisst einer grundsätzlichen, weil zweckdienlichen Verlogenheit
liegt, haben von den Juden her die Klugheit überkommen, an dieser
Stelle den Begriff "Gott", "Wille Gottes", "Offenbarung Gottes" einzuschieben.
Auch Kant, mit seinem kategorischen Imperativ, war auf dem gleichen Wege:
seine Vernunft wurde hierin praktisch. - Es giebt Fragen, wo über
Wahrheit und Unwahrheit dem Menschen die Entscheidung nicht zusteht; alle
obersten Fragen, alle obersten Werth-Probleme sind jenseits der menschlichen
Vernunft ... Die Grenzen der Vernunft begreifen - das erst ist wahrhaft
Philosophie ... Wozu gab Gott dem Menschen die Offenbarung? Würde
Gott etwas Überflüssiges gethan haben? Der Mensch kann von sich
nicht selber wissen, was gut und böse ist, darum lehrte ihn Gott seinen
Willen ... Moral: der Priester lügt nicht, - die Frage "wahr" oder
"unwahr" in solchen Dingen, von denen Priester reden, erlaubt gar nicht
zu lügen. Denn um zu lügen, müsste man entscheiden können,
was hier wahr ist. Aber das kann eben der Mensch nicht; der Priester ist
damit nur das Mundstück Gottes. - Ein solcher Priester-Syllogismus
ist durchaus nicht bloss jüdisch und christlich: das Recht zur Lüge
und die Klugheit der "Offenbarung" gehört dem Typus Priester an, den
décadence-Priestern so gut als den Heidenthums-Priestern (- Heiden
sind Alle, die zum Leben ja sagen, denen "Gott" das Wort für das grosse
Ja zu allen Dingen ist) - Das "Gesetz", der "Wille Gottes", das "heilige
Buch", die "Inspiration" - Alles nur Worte für die Bedingungen, unter
denen der Priester zur Macht kommt, mit denen er seine Macht aufrecht erhält,
- diese Begriffe finden sich auf dem Grunde aller Priester-Organisationen,
aller priesterlichen oder philosophisch-priesterlichen Herrschafts-Gebilde.
Die "heilige Lüge" - dem Confucius, dem Gesetzbuch des Manu, dem Muhamed,
der christlichen Kirche gemeinsam: sie fehlt nicht bei Plato. "Die Wahrheit
ist da": dies bedeutet, wo nur es laut wird, der Priester lügt ...
56.
- Zuletzt kommt es darauf an, zu welchem Zweck gelogen wird. Dass im Christenthum
die "heiligen" Zwecke fehlen, ist mein Einwand gegen seine Mittel. Nur
schlechte Zwecke: Vergiftung, Verleumdung, Verneinung des Lebens, die Verachtung
des Leibes, die Herabwürdigung und Selbstschändung des Menschen
durch den Begriff Sünde, - folglich sind auch seine Mittel schlecht.
- Ich lese mit einem entgegengesetzten Gefühle das Gesetzbuch des
Manu, ein unvergleichlich geistiges und überlegenes Werk, das mit
der Bibel auch nur in Einem Athem nennen eine Sünde wider den Geist
wäre. Man erräth es sofort: es hat eine wirkliche Philosophie
hinter sich, in sich, nicht bloss ein übelriechendes Judain von Rabbinismus
und Aberglauben, - es giebt selbst dem verwöhntesten Psychologen Etwas
zu beissen. Nicht die Hauptsache zu vergessen, der Grundunterschied von
jeder Art von Bibel: die vornehmen Stände, die Philosophen und die
Krieger, halten mit ihm ihre Hand über der Menge; vornehme Werthe
überall, ein Vollkommenheits-Gefühl, ein Jasagen zum Leben, ein
triumphirendes Wohlgefühl an sich und am Leben, - die Sonne liegt
auf dem ganzen Buch. - Alle die Dinge, an denen das Christenthum seine
unergründliche Gemeinheit auslässt, die Zeugung zum Beispiel,
das Weib, die Ehe, werden hier ernst, mit Ehrfurcht, mit Liebe und Zutrauen
behandelt. Wie kann man eigentlich ein Buch in die Hände von Kindern
und Frauen legen, das jenes niederträchtige Wort enthält: "um
der Hurerei willen habe ein jeglicher sein eignes Weib und eine jegliche
ihren eignen Mann: es ist besser freien denn Brunst leiden"? Und darf man
Christ sein, so lange mit dem Begriff der immaculata conceptio die Entstehung
des Menschen verchristlicht, das heisst beschmutzt ist? ... Ich kenne kein
Buch, wo dem Weibe so viele zarte und gütige Dinge gesagt würden,
wie im Gesetzbuch des Manu; diese alten Graubärte und Heiligen haben
eine Art, gegen Frauen artig zu sein, die vielleicht nicht übertroffen
ist. "Der Mund einer Frau - heisst es einmal - der Busen eines Mädchens,
das Gebet eines Kindes, der Rauch des Opfers sind immer rein". Eine andre
Stelle: "es giebt gar nichts Reineres als das Licht der Sonne, den Schatten
einer Kuh, die Luft, das Wasser, das Feuer und den Athem eines Mädchens."
Eine letzte Stelle - vielleicht auch eine heilige Lüge -: "alle Öffnungen
des Leibes oberhalb des Nabels sind rein, alle unterhalb sind unrein. Nur
beim Mädchen ist der ganze Körper rein."
57.
Man ertappt die Unheiligkeit der christlichen Mittel in flagranti, wenn
man den christlichen Zweck einmal an dem Zweck des Manu-Gesetzbuchs misst,
- wenn man diesen grössten Zweck-Gegensatz unter starkes Licht bringt.
Es bleibt dem Kritiker des Christenthums nicht erspart, das Christenthum
verächtlich zu machen. - Ein solches Gesetzbuch wie das des Manu entsteht,
wie jedes gute Gesetzbuch: es resümirt die Erfahrung, Klugheit und
Experimental-Moral von langen Jahrhunderten, es schliesst ab, es schafft
Nichts mehr. Die Voraussetzung zu einer Codification seiner Art ist die
Einsicht, dass die Mittel, einer langsam und kostspielig erworbenen Wahrheit
Autorität zu schaffen, grundverschieden von denen sind, mit denen
man sie beweisen würde. Ein Gesetzbuch erzählt niemals den Nutzen,
die Gründe, die Casuistik in der Vorgeschichte eines Gesetzes: eben
damit würde es den imperativischen Ton einbüssen, das "Du sollst",
die Voraussetzung dafür, dass gehorcht wird. Das Problem liegt genau
hierin. - An einem gewissen Punkte der Entwicklung eines Volks erklärt
die umsichtigste, das heisst zurück- und hinausblickendste Schicht
desselben, die Erfahrung, nach der gelebt werden soll - das heisst kann
-, für abgeschlossen. Ihr Ziel geht dahin, die Ernte möglichst
reich und vollständig von den Zeiten des Experiments und der schlimmen
Erfahrung heimzubringen. Was folglich vor allem jetzt zu verhüten
ist, das ist das Noch-Fort-Experimentiren, die Fortdauer des flüssigen
Zustands der Werthe, das Prüfen, Wählen, Kritik-Üben der
Werthe in infinitum. Dem stellt man eine doppelte Mauer entgegen: einmal
die Offenbarung, das ist die Behauptung, die Vernunft jener Gesetze sei
nicht menschlicher Herkunft, nicht langsam und unter Fehlgriffen gesucht
und gefunden, sondern, als - göttlichen Ursprungs, ganz, vollkommen,
ohne Geschichte, ein Geschenk, ein Wunder, bloss mitgetheilt ... Sodann
die Tradition, das ist die Behauptung, dass das Gesetz bereits seit uralten
Zeiten bestanden habe, dass es pietätlos, ein Verbrechen an den Vorfahren
sei, es in Zweifel zu ziehn. Die Autorität des Gesetzes begründet
sich mit den Thesen: Gott gab es, die Vorfahren lebten es. - Die höhere
Vernunft einer solchen Prozedur liegt in der Absicht, das Bewusstsein Schritt
für Schritt von dem als richtig erkannten (das heisst durch eine ungeheure
und scharf durchgesiebte Erfahrung bewiesenen) Leben zurückzudrängen:
so dass der vollkommne Automatismus des Instinkts erreicht wird, - diese
Voraussetzung zu jeder Art Meisterschaft, zu jeder Art Vollkommenheit in
der Kunst des Lebens. Ein Gesetzbuch nach Art des Manu aufstellen heisst
einem Volke fürderhin zugestehn, Meister zu werden, vollkommen zu
werden, - die höchste Kunst des Lebens zu ambitioniren. Dazu muss
es unbewusst gemacht werden: dies der Zweck jeder heiligen Lüge. -
Die Ordnung der Kasten, das oberste, das dominirende Gesetz, ist nur die
Sanktion einer Natur-Ordnung, Natur-Gesetzlichkeit ersten Ranges, über
die keine Willkür, keine "moderne Idee" Gewalt hat. Es treten in jeder
gesunden Gesellschaft, sich gegenseitig bedingend, drei physiologisch verschieden-gravitirende
Typen auseinander, von denen jeder seine eigne Hygiene, sein eignes Reich
von Arbeit, seine eigne Art Vollkommenheits-Gefühl und Meisterschaft
hat. Die Natur, nicht Manu, trennt die vorwiegend Geistigen, die vorwiegend
Muskel- und Temperaments-Starken und die weder im Einen, noch im Andern
ausgezeichneten Dritten, die Mittelmässigen, von einander ab, - die
letzteren als die grosse Zahl, die ersteren als die Auswahl. Die oberste
Kaste - ich nenne sie die Wenigsten - hat als die vollkommne auch die Vorrechte
der Wenigsten: dazu gehört es, das Glück, die Schönheit,
die Güte auf Erden darzustellen. Nur die geistigsten Menschen haben
die Erlaubniss zur Schönheit, zu in Schönen: nur bei ihnen ist
Güte nicht Schwäche. Pulchrum est paucorum hominum: das Gute
ist ein Vorrecht. Nichts kann ihnen dagegen weniger zugestanden werden,
als hässliche Manieren oder ein pessimistischer Blick, ein Auge, das
verhässlicht -, oder gar eine Entrüstung über den Gesammt-Aspekt
der Dinge. Die Entrüstung ist das Vorrecht der Tschandala; der Pessimismus
desgleichen. "Die Welt ist vollkommen - so redet der Instinkt der Geistigsten,
der Jasagende Instinkt: die Unvollkommenheit, das Unter-uns jeder Art,
die Distanz, das Pathos der Distanz, der Tschandala selbst gehört
noch zu dieser Vollkommenheit." Die geistigsten Menschen, als die Stärksten,
finden ihr Glück, worin Andre ihren Untergang finden würden:
im Labyrinth, in der Härte gegen sich und Andre, im Versuch; ihre
Lust ist die Selbstbezwingung: der Asketismus wird bei ihnen Natur, Bedürfniss,
Instinkt. Die schwere Aufgabe gilt ihnen als Vorrecht, mit Lasten zu spielen,
die Andre erdrücken, eine Erholung... Erkenntniss - eine Form des
Asketismus. - Sie sind die ehrwürdigste Art Mensch: das schliesst
nicht aus, dass sie die heiterste, die liebenswürdigste sind. Sie
herrschen, nicht, weil sie wollen, sondern weil sie sind, es steht ihnen
nicht frei, die Zweiten zu sein. - Die Zweiten: das sind die Wächter
des Rechts, die Pfleger der Ordnung und der Sicherheit, das sind die vornehmen
Krieger, das ist der König vor Allem als die höchste Formel von
Krieger, Richter und Aufrechterhalter des Gesetzes. Die Zweiten sind die
Exekutive der Geistigsten, das Nächste, was zu ihnen gehört,
das, was ihnen alles Grobe in der Arbeit des Herrschens abnimmt - ihr Gefolge,
ihre rechte Hand, ihre beste Schülerschaft. - In dem Allem, nochmals
gesagt, ist Nichts von Willkür, Nichts "gemacht"; was anders ist,
ist gemacht, - die Natur ist dann zu Schanden gemacht ... Die Ordnung der
Kasten, die Rangordnung, formulirt nur das oberste Gesetz des Lebens selbst,
die Abscheidung der drei Typen ist nöthig zur Erhaltung der Gesellschaft,
zur Ermöglichung höherer und höchster Typen, - die Ungleichheit
der Rechte ist erst die Bedingung dafür, dass es überhaupt Rechte
giebt. - Ein Recht ist ein Vorrecht. In seiner Art Sein hat jeder auch
sein Vorrecht. Unterschätzen wir die Vorrechte der Mittelmässigen
nicht. Das Leben nach der Höhe zu wird immer härter, - die Kälte
nimmt zu, die Verantwortlichkeit nimmt zu. Eine hohe Cultur ist eine Pyramide:
sie kann nur auf einem breiten Boden stehn, sie hat zuallererst eine stark
und gesund consolidirte Mittelmässigkeit zur Voraussetzung. Das Handwerk,
der Handel, der Ackerbau, die Wissenschaft, der grösste Theil der
Kunst, der ganze Inbegriff der Berufsthätigkeit mit Einem Wort, verträgt
sich durchaus nur mit einem Mittelmaass im Können und Begehren: dergleichen
wäre deplacirt unter Ausnahmen, der dazu gehörige Instinkt widerspräche
sowohl dem Aristokratismus als dem Anarchismus. Dass man ein öffentlicher
Nutzen ist, ein Rad, eine Funktion, dazu giebt es eine Naturbestimmung:
nicht die Gesellschaft, die Art Glück, deren die Allermeisten bloss
fähig sind, macht aus ihnen intelligente Maschinen. Für den Mittelmässigen
ist mittelmässig sein ein Glück; die Meisterschaft in Einem,
die Spezialität ein natürlicher Instinkt. Es würde eines
tieferen Geistes vollkommen unwürdig sein, in der Mittelmässikeit
an sich schon einen Einwand zu sehn. Sie ist selbst die erste Nothwendigkeit
dafür, dass es Ausnahmen geben darf: eine hohe Cultur ist durch sie
bedingt. Wenn der Ausnahme-Mensch gerade die Mittelmässigen mit zarteren
Fingern handhabt, als sich und seines Gleichen, so ist dies nicht bloss
Höflichkeit des Herzens, - es ist einfach seine Pflicht ... Wen hasse
ich unter dem Gesindel von Heute am besten? Das Socialisten-Gesindel, die
Tschandala-Apostel, die den Instinkt, die Lust, das Genügsamkeits-Gefühl
des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben, - die ihn neidisch machen,
die ihn Rache lehren ... Das Unrecht liegt niemals in ungleichen Rechten,
es liegt im Anspruch auf "gleiche" Rechte ... Was ist schlecht? Aber ich
sagte es schon: Alles, was aus Schwäche, aus Neid, aus Rache stammt.
- Der Anarchist und der Christ sind Einer Herkunft ...
58.
In der That, es macht einen Unterschied, zu welchem Zweck man lügt:
ob man damit erhält oder zerstört. Man darf zwischen Christ und
Anarchist eine vollkommne Gleichung aufstellen: ihr Zweck, ihr Instinkt
geht nur auf Zerstörung. Den Beweis für diesen Satz hat man aus
der Geschichte nur abzulesen: sie enthält ihn in entsetzlicher Deutlichkeit.
Lernten wir eben eine religiöse Gesetzgebung kennen, deren Zweck war,
die oberste Bedingung dafür, dass das Leben gedeiht, eine grosse Organisation
der Gesellschaft zu "verewigen", das Christenthum hat seine Mission darin
gefunden, mit eben einer solchen Organisation, weil in ihr das Leben gedieh,
ein Ende zu machen. Dort sollte der Vernunft-Ertrag von langen Zeiten des
Experiments und der Unsicherheit zum fernsten Nutzen angelegt und die Ernte
so gross, so reichlich, so vollständig wie möglich heimgebracht
werden: hier wurde, umgekehrt, über Nacht die Ernte vergiftet ...
Das, was aere perennius dastand, das imperium Romanum, die grossartigste
Organisations-Form unter schwierigen Bedingungen, die bisher erreicht worden
ist, im Vergleich zu der alles Vorher, alles Nachher Stückwerk, Stümperei,
Dilettantismus ist, - jene heiligen Anarchisten haben sich eine "Frömmigkeit"
daraus gemacht, "die Welt", das heisst das imperium Romanum zu zerstören,
bis kein Stein auf dem andren blieb, - bis selbst Germanen und andre Rüpel
darüber Herr werden konnten ... Der Christ und der Anarchist: beide
décadents, beide unfähig, anders als auflösend, vergiftend,
verkümmernd, blutaussaugend zu wirken, beide der Instinkt des Todhasses
gegen Alles, was steht, was gross dasteht, was Dauer hat, was dem Leben
Zukunft verspricht ... Das Christenthum war der Vampyr des imperium Romanum,
- es hat die ungeheure That der Römer, den Boden für eine grosse
Cultur zu gewinnen, die Zeit hat, über Nacht ungethan gemacht. - Versteht
man es immer noch nicht? Das imperium Romanum, das wir kennen, das uns
die Geschichte der römischen Provinz immer besser kennen lehrt, dies
bewunderungswürdigste Kunstwerk des grossen Stils, war ein Anfang,
sein Bau war berechnet, sich mit Jahrtausenden zu beweisen, - es ist bis
heute nie so gebaut, nie auch nur geträumt worden, in gleichem Maasse
sub specie aeterni zu bauen! - Diese Organisation war fest genug, schlechte
Kaiser auszuhalten: der Zufall von Personen darf nichts in solchen Dingen
zu thun haben, - erstes Princip aller grossen Architektur. Aber sie war
nicht fest genug gegen die corrupteste Art Corruption, gegen den Christen
... Dies heimliche Gewürm, das sich in Nacht, Nebel und Zweideutigkeit
an alle Einzelnen heranschlich und jedem Einzelnen den Ernst für wahre
Dinge, den Instinkt überhaupt für Realitäten aussog, diese
feige, femininische und zuckersüsse Bande hat Schritt für Schritt
die "Seelen" diesem ungeheuren Bau entfremdet, - jene werthvollen, jene
männlich-vornehmen Naturen, die in der Sache Rom's ihre eigne Sache,
ihren eignen Ernst, ihren eignen Stolz empfanden. Die Mucker-Schleicherei,
die Conventikel-Heimlichkeit, düstere Begriffe, wie Hölle, wie
Opfer des Unschuldigen, wie unio mystica im Bluttrinken, vor Allem das
langsam aufgeschürte Feuer der Rache, der Tschandala-Rache - das wurde
Herr über Rom, dieselbe Art von Religion, der schon in ihrer Präexistenz-Form
Epicur den Krieg gemacht hatte. Man lese Lucrez, um zu begreifen, was Epicur
bekämpft hat, nicht das Heidenthum, sondern "das Christenthum", will
sagen die Verderbniss der Seelen durch den Schuld-, durch den Straf- und
Unsterblichkeits-Begriff. - Er bekämpfte die unterirdischen Culte,
das ganze latente Christenthum, - die Unsterblichkeit zu leugnen war damals
schon eine wirkliche Erlösung. - Und Epicur hätte gesiegt, jeder
achtbare Geist im römischen Reich war Epicureer: da erschien Paulus
... Paulus, der Fleisch-, der Genie-gewordne Tschandala-Hass gegen Rom,
gegen "die Welt", der Jude, der ewige Jude par excellence ... Was er errieth,
das war, wie man mit Hülfe der kleinen sektirerischen Christen-Bewegung
abseits des Judenthums einen "Weltbrand" entzünden könne, wie
man mit dem Symbol "Gott am Kreuze" alles Unten-Liegende, alles Heimlich-Aufrührerische,
die ganze Erbschaft anarchistischer Umtriebe im Reich, zu einer ungeheuren
Macht aufsummiren könne. "Das Heil kommt von den Juden". - Das Christenthum
als Formel, um die unterirdischen Culte aller Art, die des Osiris, der
grossen Mutter, des Mithras zum Beispiel, zu überbieten - und zu summiren:
in dieser Einsicht besteht das Genie des Paulus. Sein Instinkt war darin
so sicher, dass er die Vorstellungen, mit denen jene Tschandala-Religionen
fascinirten, mit schonungsloser Gewaltthätigkeit an der Wahrheit dem
"Heilande" seiner Erfindung in den Mund legte, und nicht nur in den Mund
- dass er aus ihm Etwas machte, was auch ein Mithras-Priester verstehn
konnte ... Dies war sein Augenblick von Damaskus: er begriff, dass er den
Unsterblidikeits-Glauben nöthig hatte, um "die Welt" zu entwerthen,
dass der Begriff "Hölle" über Rom noch Herr wird, - dass man
mit dem "Jenseits" das Leben tödtet ... Nihilist und Christ: das reimt
sich, das reimt sich nicht bloss ...
59.
Die ganze Arbeit der antiken Welt umsonst: ich habe kein Wort dafür,
das mein Gefühl über etwas so Ungeheures ausdrückt. - Und
in Anbetracht, dass ihre Arbeit eine Vorarbeit war, dass eben erst der
Unterbau zu einer Arbeit von Jahrtausenden mit granitnem Selbstbewusstsein
gelegt war, der ganze Sinn der antiken Welt umsonst! ... Wozu Griechen?
wozu Römer? - Alle Voraussetzungen zu einer gelehrten Cultur, alle
wissenschaftlichen Methoden waren bereits da, man hatte die grosse, die
unvergleichliche Kunst, gut zu lesen, bereits festgestellt - diese Voraussetzung
zur Tradition der Cultur, zur Einheit der Wissenschaft; die Naturwissenschaft,
im Bunde mit Mathematik und Mechanik, war auf dem allerbesten Wege, - der
Thatsachen-Sinn, der letzte und werthvollste aller Sinne, hatte seine Schulen,
seine bereits Jahrhunderte alte Tradition! Versteht man das? Alles Wesentliche
war gefunden, um an die Arbeit gehn zu können: - die Methoden, man
muss es zehnmal sagen, sind das Wesentliche, auch das Schwierigste, auch
das, was am längsten die Gewohnheiten und Faulheiten gegen sich hat.
Was wir heute, mit unsäglicher Selbstbezwingung - denn wir haben Alle
die schlechten Instinkte, die christlichen, irgendwie noch im Leibe -,
uns zurückerobert haben, den freien Blick vor der Realität, die
vorsichtige Hand, die Geduld und den Ernst im Kleinsten, die ganze Rechtschaffenheit
der Erkenntniss - sie war bereits da! vor mehr als zwei Jahrtausenden bereits!
Und, dazu gerechnet, der gute, der feine Takt und Geschmack! Nicht als
Gehirn-Dressur! Nicht als "deutsche" Bildung mit Rüpel-Manieren! Sondern
als Leib, als Gebärde, als Instinkt, - als Realität mit Einem
Wort ... Alles umsonst! Über Nacht bloss noch eine Erinnerung! - Griechen!
Römer! Die Vornehmheit des Instinkts, der Geschmack, die methodische
Forschung, das Genie der Organisation und Verwaltung, der Glaube, der Wille
zur Menschen-Zukunft, das grosse ja zu allen Dingen als imperium Romanum
sichtbar, für alle Sinne sichtbar, der grosse Stil nicht mehr bloss
Kunst, sondern Realität, Wahrheit, Leben geworden... - Und nicht durch
ein Natur-Ereigniss über Nacht verschüttet! Nicht durch Germanen
und andre Schwerfüssler niedergetreten! Sondern von listigen, heimlichen,
unsichtbaren, blutarmen Vampyrn zu Schanden gemacht! Nicht besiegt, - nur
ausgesogen! ... Die versteckte Rachsucht, der kleine Neid Herr geworden!
Alles Erbärmliche, An-sich-Leidende, Von-schlechten-Gefühlen-Heimgesuchte,
die ganze Ghetto - Welt der Seele mit Einem Male obenauf!- - Man lese nur
irgend einen christlichen Agitator, den heiligen Augustin zum Beispiel,
um zu begreifen, um zu riechen, was für unsaubere Gesellen damit obenauf
gekommen sind. Man würde sich ganz und gar betrügen, wenn man
irgend welchen Mangel an Verstand bei den Führern der christlichen
Bewegung voraussetzte: - oh sie sind klug, klug bis zur Heiligkeit, diese
Herrn Kirchenväter! Was ihnen abgeht, ist etwas ganz Anderes. Die
Natur hat sie vernachlässigt, - sie vergass, ihnen eine bescheidene
Mitgift von achtbaren, von anständigen, von reinlichen Instinkten
mitzugeben ... Unter uns, es sind nicht einmal Männer ... Wenn der
Islam das Christenthum verachtet, so hat er tausend Mal Recht dazu: der
Islam hat Männer zur Voraussetzung ...
60.
Das Christenthum hat uns um die Ernte der antiken Cultur gebracht, es hat
uns später wieder um die Ernte der Islam-Cultur gebracht. Die wunderbare
maurische Cultur-Welt Spaniens, uns im Grunde verwandter, zu Sinn und Geschmack
redender als Rom und Griechenland, wurde niedergetreten - ich sage nicht
von was für Füssen - warum? weil sie vornehmen, weil sie Männer-Instinkten
ihre Entstehung verdankte, weil sie zum Leben Ja sagte auch noch mit den
seltnen und raffinirten Kostbarkeiten des maurischen Lebens! ... Die Kreuzritter
bekämpften später Etwas, vor dem sich in den Staub zu legen ihnen
besser angestanden hätte, - eine Cultur, gegen die sich selbst unser
neunzehntes Jahrhundert sehr arm, sehr "spät" vorkommen dürfte.
- Freilich, sie wollten Beute machen: der Orient war reich ... Man sei
doch unbefangen! Kreuzzüge - die höhere Seeräuberei, weiter
nichts! - Der deutsche Adel, Wikinger-Adel im Grunde, war damit in seinem
Elemente: die Kirche wusste nur zu gut, womit man deutschen Adel hat...
Der deutsche Adel, immer die "Schweizer" der Kirche, immer im Dienste aller
schlechten Instinkte der Kirche, - aber gut bezahlt ... Dass die Kirche
gerade mit Hülfe deutscher Schwerter, deutschen Blutes und Muthes
ihren Todfeindschafts-Krieg gegen alles Vornehme auf Erden durchgeführt
hat! Es giebt an dieser Stelle eine Menge schmerzlicher Fragen. Der deutsche
Adel fehlt beinahe in der Geschichte der höheren Cultur: man erräth
den Grund ... Christenthum, Alkohol - die beiden grossen Mittel der Corruption
... An sich sollte es ja keine Wahl geben, Angesichts von Islam und Christenthum,
so wenig als Angesichts eines Arabers und eines Juden. Die Entscheidung
ist gegeben, es steht Niemandem frei, hier noch zu wählen. Entweder
ist man ein Tschandala oder man ist es nicht ... "Krieg mit Rom auf's Messer!
Friede, Freundschaft mit dem Islam": so empfand, so that jener grosse Freigeist,
das Genie unter den deutschen Kaisern, Friedrich der Zweite. Wie? muss
ein Deutscher erst Genie, erst Freigeist sein, um anständig zu empfinden?
- Ich begreife nicht, wie ein Deutscher je christlich empfinden konnte
...
61.
Hier thut es Noth, eine für Deutsche noch hundert Mal peinlichere
Erinnerung zu berühren. Die Deutschen haben Europa um die letzte grosse
Cultur-Ernte gebracht, die es für Europa heimzubringen gab, - um die
der Renaissance. Versteht man endlich, will man verstehn, was die Renaissance
war? Die Umwerthung der christlichen Werthe, der Versuch, mit allen Mitteln,
mit allen Instinkten, mit allem Genie unternommen, die Gegen-Werthe, die
vornehmen Werthe zum Sieg zu bringen ... Es gab bisher nur diesen grossen
Krieg, es gab bisher keine entscheidendere Fragestellung als die der Renaissance,
- meine Frage ist ihre Frage -: es gab auch nie eine grundsätzlichere,
eine geradere, eine strenger in ganzer Front und auf das Centrum los geführte
Form des Angriffs! An der entscheidenden Stelle, im Sitz des Christenthums
selbst angreifen, hier die vornehmen Werthe auf den Thron bringen, will
sagen in die Instinkte, in die untersten Bedürfnisse und Begierden
der daselbst Sitzenden hineinbringen ... Ich sehe eine Möglichkeit
vor mir von einem vollkommen überirdischen Zauber und Farbenreiz:
- es scheint mir, dass sie in allen Schaudern raffinirter Schönheit
erglänzt, dass eine Kunst in ihr am Werke ist, so göttlich, so
teufelsmässig-göttlich, dass man Jahrtausende umsonst nach einer
zweiten solchen Möglichkeit durchsucht; ich sehe ein Schauspiel, so
sinnreich, so wunderbar paradox zugleich, dass alle Gottheiten des Olymps
einen Anlass zu einem unsterblichen Gelächter gehabt hätten -
Cesare Borgia als Papst ... Versteht man mich? ... Wohlan, das wäre
der Sieg gewesen, nach dem ich heute allein verlange -: damit war das Christenthum
abgeschafft! - Was geschah? Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach
Rom. Dieser Mönch, mit allen rachsüchtigen Instinkten eines verunglückten
Priesters im Leibe, empörte sich in Rom gegen die Renaissance ...
Statt mit tiefster Dankbarkeit das Ungeheure zu verstehn, das geschehn
war, die Überwindung des Christenthums an seinem Sitz -, verstand
sein Hass aus diesem Schauspiel nur seine Nahrung zu ziehn. Ein religiöser
Mensch denkt nur an sich. - Luther sah die Verderbniss des Papstthums,
während gerade das Gegentheil mit Händen zu greifen war: die
alte Verderbniss, das peccatum originale, das Christenthum sass nicht mehr
auf dem Stuhl des Papstes! Sondern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens!
Sondern das grosse Ja zu allen hohen, Schönen, verwegenen Dingen!
... Und Luther stellte die Kirche wieder her: er griff sie an ... Die Renaissance
- ein Ereigniss ohne Sinn, ein grosses Umsonst! - Ah diese Deutschen, was
sie uns schon gekostet haben! Umsonst - das war immer das Werk der Deutschen.
- Die Reformation; Leibniz; Kant und die sogenannte deutsche Philosophie;
die Freiheits-Kriege; das Reich - jedes Mal ein Umsonst für Etwas,
das bereits da war, für etwas Unwiederbringliches ... Es sind meine
Feinde, ich bekenne es, diese Deutschen: ich verachte in ihnen jede Art
von Begriffs- und Werth-Unsauberkeit, von Feigheit vor jedem rechtschaffnen
Ja und Nein. Sie haben, seit einem Jahrtausend beinahe, Alles verfilzt
und verwirrt, woran sie mit ihren Fingern rührten, sie haben alle
Halbheiten - Drei-Achtelsheiten! - auf dem Gewissen, an denen Europa krank
ist, - sie haben auch die unsauberste Art Christenthum, die es giebt, die
unheilbarste, die unwiderlegbarste, den Protestantismus auf dem Gewissen
... Wenn man nicht fertig wird mit dem Christenthum, die Deutschen werden
daran schuld sein ...
62.
- Hiermit bin ich am Schluss und spreche mein Urtheil. Ich verurtheile
das Christenthum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste
aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie
ist mir die höchste aller denkbaren Corruptionen, sie hat den Willen
zur letzten auch nur möglichen Corruption gehabt. Die christliche
Kirche liess Nichts mit ihrer Verderbniss unberührt, sie hat aus jedem
Werth einen Unwerth, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit
eine Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir von ihren "humanitären"
Segnungen zu reden! Irgend einen Nothstand abschaffen gierig wider ihre
tiefste Nützlichkeit, - sie lebte von Nothständen, sie schuf
Nothstände, um sich zu verewigen ... Der Wurm der Sünde zum Beispiel:
mit diesem Nothstande hat erst die Kirche die Menschheit bereichert! -
Die "Gleichheit der Seelen vor Gott", diese Falschheit, dieser Vorwand
für die rancunes aller Niedriggesinnten, dieser Sprengstoff von Begriff,
der endlich Revolution, moderne Idee und Niedergangs-Princip der ganzen
Gesellschafts-Ordnung geworden ist - ist christlicher Dynamit... "Humanitäre"
Segnungen des Christenthums! Aus der humanitas einen Selbst-Widerspruch,
eine Kunst der Selbstschändung, einen Willen zur Lüge um jeden
Preis, einen Widerwillen, eine Verachtung aller guten und rechtschaffnen
Instinkte herauszuzüchten! - Das wären mir Segnungen des Christenthums!
- Der Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem Bleichsuchts-,
ihrem "Heiligkeits"-Ideale jedes Blut, jede Liebe, jede Hoffnung zum Leben
austrinkend; das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität;
das Kreuz als Erkennungszeichen für die unterirdischste Verschwörung,
die es je gegeben hat, - gegen Gesundheit, Schönheit, Wohlgerathenheit,
Tapferkeit, Geist, Güte der Seele, gegen das Leben selbst ...
Diese ewige Anklage des Christenthums will ich an alle Wände schreiben,
wo es nur Wände giebt, - ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend
zu machen ... Ich heisse das Christenthum den Einen grossen Fluch, die
Eine grosse innerlichste Verdorbenheit, den Einen grossen Instinkt der
Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist,
- ich heisse es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit ...
Und man rechnet die Zeit nach dem dies nefastus, mit dem dies Verhängniss
anhob, - nach dem ersten Tag des Christenthums! Warum nicht lieber nach
seinem letzten? Nach Heute? - Umwerthung aller Werthe! ...
Gesetz wider das Christenthum.
Gegeben am Tage des Heils, am ersten Tage des Jahres Eins
(- am 30. September 1888 der falschen Zeitrechnung)
Todkrieg gegen das Laster:
das Laster ist das Christenthum
Erster Satz. - Lasterhaft ist jede Art Widernatur. Die
lasterhafteste Art Mensch ist der Priester: er lehrt die Widernatur. Gegen
den Priester hat man nicht Gründe, man hat das Zuchthaus.
Zweiter Satz.- Jede Theilnahme an einem Gottesdienste ist ein
Attentat auf die öffentliche Sittlichkeit. Man soll härter gegen
Protestanten als gegen Katholiken sein, härter gegen liberale Protestanten
als gegen strenggläubige. Das Verbrecherische im Christ-sein nimmt
in dem Maasse zu, als man sich der Wissenschaft nähert. Der Verbrecher
der Verbrecher ist folglich der Philosoph.
Dritter Satz. - Die fluchwürdige Stätte, auf der das
Christenthum seine Basilisken-Eier gebrütet hat, soll dem Erdboden
gleich gemacht werden und als verruchte Stelle der Erde der Schrecken aller
Nachwelt sein. Man soll giftige Schlangen auf ihr züchten.
Vierter Satz.- Die Predigt der Keuschheit ist eine öffentliche
Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens,
jede Verunreinigung desselben durch den Begriff "unrein" ist die eigentliche
Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.
Fünfter Satz. - Mit einem Priester an Einem Tisch essen
stößt aus: man excommunicirt sich damit aus der rechtschaffnen
Gesellschaft. Der Priester ist uns er Tschandala, - man soll ihn verfehmen,
aushungern, in jede Art Wüste treiben.
Sechster Satz. - Man soll die "heilige" Geschichte mit dem Namen
nennen, den sie verdient, als verfluchte Geschichte; man soll die Worte
"Gott", "Heiland", "Erlöser", "Heiliger" zu Schimpfworten, zu Verbrecher-Abzeichen
benutzen.
Siebenter Satz. – Der Rest folgt daraus.
Der Antichrist