Intelligentes Leben auf anderen Planeten?
(Eike Grund, Ausgabe 1 / Juli 1998)
Nach vorsichtigen Schätzungen gibt es in unserem Universum (möglicherweise gibt es mehrere bzw. beliebig viele Universen) mehr als 150 Milliarden Galaxien mit jeweils mehr als 150 Milliarden Sternen. Das sind mehr als
20 000 000 000 000 000 000 000 oder 2x10²² Sterne.

Bei dieser großen Anzahl kann man ziemlich sicher sein, daß wir nicht die einzigen sind. Aber wo sind die anderen, könnten wir Kontakt aufnehmen oder wäre gar ein Besuch möglich, oder hat schon einer stattgefunden, wovon ja manche Mitmenschen überzeugt sind.
Aufgrund der Entfernung von Millionen und Milliarden Lichtjahren zu den anderen Galaxien unseres Universums beschränken wir die Suche zunächst auf unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße.

Gehen wir von 150 Milliarden Sternen in der Milchstraße aus (es sind vermutlich viel mehr) und machen folgende Annahmen (dieses Rechenmodell ist als Anregung zu verstehen und kann nach Belieben variiert werden):

  1. Nur im äußeren Bereich (10%) ist es ruhig genug für eine ungestörte Evolution.
  2. Nur 10% der Sterne bilden Planeten. Vieles deutet jedoch darauf hin, daß die Bildung von Planeten eher den Normalfall darstellt.
  3. Nur 10% davon haben bzgl. der Entfernung, Größe und Beschaffenheit erdähnliche Planeten
  4. Nur 10% davon haben zusätzlich massereiche Planeten im äußeren Bereich, die einen großen Teil des kosmischen Bombardements aufhalten können.
  5. Nur in 10% dieser Fälle entsteht wirklich intelligentes Leben (Bewußtsein).
Zwischenbilanz: Wir streichen 5 Nullen, es verbleiben 1 500 000 Sterne, also eins Komma fünf Millionen! Das ist eine Chance von 1:10 000, wenn man nur den äußeren Bereich unserer Galaxie betrachtet.
Nicht explizit berücksichtigt ist die Anzahl der sehr großen Sterne, die so schnell ausbrennen, dass vermutlich keine Zeit für eine biologische Evolution bleibt. Man könnte als noch eine "0" streichen oder auch annehmen, dass dies den Rahmen der bereits getroffenen Annahmen nicht sprengt. Es wird auch nicht davon ausgegangen, dass die Entwicklung auf der Erde den Königsweg darstellt, d.h., dass es nur genau so funktionieren kann. Dies würde die Chancen nochmals verringern, denn der Weg zum Homo sapiens sapiens führte über viele schmale und zerbrechliche Brücken.

Das Fenster.
Wir wollen natürlich Wesen kennenlernen, die etwa den gleichen Entwicklungsstand haben wie wir. Denken wir an unsere Vorfahren vor 10 Millionen Jahren, so wäre eine Kommunikation nicht sehr effektiv, was logischerweise auch auf Wesen, die in ihrer Entwicklung 10 Millionen Jahre weiter sind, zutreffen muß.
Wir lassen die ersten 5 Milliarden Jahre (s. Nachtrag unten) des Universums verstreichen, damit sich genügend schwere Elemente bilden können. Vor dem Ende der restlichen 10 Milliarden Jahre legen wir ein Fenster von 10 Millionen Jahren, was 0,1 % dieses Zeitraumes entspricht. Wir streichen also weitere drei Nullen und haben nur noch 1500 mögliche Fälle übrig. D. h., unsere Chancen stehen nur noch 1:10 Millionen (wenn man wieder nur den äußeren Bereich der Milchstraße betrachtet). Bezogen auf eine größere Menge von Galaxien (es gibt mehr als 150 Milliarden) ist das Vorhandensein der Kollegen innerhalb der gegenwärtigen 10 Millionen Jahre als sicher anzusehen. Bezogen auf unsere Milchstraße könnte der Wert im Bereich der statistischen Schwankungen liegen, was bedeutet, daß wir hier auch doppelt soviel oder keine kontaktfähigen Wesen finden könnten.
Wir lassen uns aber nicht entmutigen und gehen von 1500 Möglichkeiten aus. Leider können wir nur 1.5% der Milchstraße beobachten, was nur noch 20 möglichen sichtbaren Zivilisationen entspricht.
Wir gehen weiter davon aus, daß wir tatsächlich relativ nah in nur 500 Lichtjahren Entfernung (das ist gleich um die Ecke, denn unsere Galaxie mißt ca. 120 000 Lichtjahre im Durchmesser), Nachbarn haben. Wenn diese vor 500 Jahren ein Funksignal zufällig in unsere Richtung gesendet hätten, wüßten wir dies jetzt. Aber davon können wir nicht ausgehen, denn wir müssen für diese Betrachtung unser Fenster verkleinern. Wir nehmen an, daß eine Zivilisation in dem gewählten Fenster von 10 Millionen Jahren nur 1000 Jahre lang versucht, auf diese Weise Kontakt zu suchen. Davor konnten sie es noch nicht, danach haben sie es entweder wegen Sinnlosigkeit (es ist eine sehr hohe Sendeleistung erforderlich) aufgegeben oder andere Nachrichtentechnologien entwickelt, die wir wiederum nicht empfangen können. Noch nicht.
Das reduziert die Anzahl der 1500 möglichen Fälle auf Null, d. h. statistisch gesehen, käme dieser Fall erst bei 6-7 Galaxien einmal vor.
Und vielleicht ist das gut so. Denn wenn diese Nachbarn uns Menschen ähnlich sind, kann man nicht unbedingt friedliche Besuchsabsichten unterstellen.
Nachtrag: Die Astrophysiker vermuten, dass sogar 10 Milliarden Jahre erforderlich waren, um die zur Planetenbildung erforderliche Materie zu erbrüten. Wir gehören also möglicherweise zur ersten Generation, was die Entwicklung von Zivilisationen (bzw. was wir darunter verstehen) betrifft. (Quelle: Bayr. Fernsehen am 3.7.00, Space Night: Alpha-Centauri (15 Min.) Was ist der Pferdekopfnebel?)

Unser Problem:
Wir sehen heute, das eine Marsmission am Geld scheitert. Daraus kann geschlossen werden, daß eine interstellare Mission (also aus dem Sonnensystem heraus) nur mit der gemeinsamen Leistung der ganzen Welt möglich wäre. Dies setzt wiederum voraus, daß die ganze Welt keine anderen Probleme hätte. Stellen wir uns folgendes Projekt vor: Die Weltgemeinschaft beschließt die Entwicklung, den Bau und den Start einer unbemannten interstellaren Mission zu Erkundung von Planeten mit Lebensformen. Die beteiligten Staaten müßten für mindestens zwei Jahrzehnte finanzielle Mittel bereitstellen, für ein Projekt, dessen Ergebnisse im Erfolgsfall erst vorliegen, wenn die Generation, die diese Mittel aufbringt, nicht mehr lebt. Hinzu kommt, daß solange die Sonde arbeitet, ständig eine Empfangsstation in Betrieb sein muß. Davon abgesehen, sind die erforderlichen Antriebstechnologien nicht in Sicht.
Sicher wäre Raumfahrt für uns in 10 Millionen Jahren kein Thema mehr. Denn bis dahin hätten wir wohl die Geheimnisse des Universums entschlüsselt.

Das Problem der anderen:
Bisher haben wir nur das gegenwärtige 10 Millionen-Jahre-Fenster untersucht. Wir können aber weitere Fenster in die Vergangenheit legen, was für jedes Fenster wieder 1500 Möglichkeiten ergibt. Wir müssen uns jetzt die Frage stellen, wieviel frühere Zivilisationen bis heute überlebt hätten. Überlebt heißt aber, sich weiterentwickelt haben. Wir machen folgende einschränkende Annahme: Alle 250 Millionen Jahre wird eine Zivilisation durch kosmische Einflüsse ausgebombt. Nach 100 Millionen Jahren hat sich wieder eine Zivilisation entwickelt. Es verbleibt ein Zeitraum von 150 Millionen Jahren, also Platz für 15 Fenster mit je 10 Millionen Jahren. Wir legen 5 dieser Fenster in die Vergangenheit, so daß diese 50 Millionen Jahre vor unserem Gegenwartsfenster zurückreichen. Weiter zurückzugehen betrachten wir aus folgendem Grund als sinnlos: Sollten intelligente Wesen (von unserem Entwicklungsstand ausgehend) mehr als 50 Millionen Jahre fortbestehen, sich also weiterentwickeln, würden diese sich von uns ebenso unterscheiden wie im Blick zurück um den gleichen Zeitraum auf unsere eigene Ahnenreihe. Wir ignorieren dabei folgende mögliche Regeln der Evolution: Die Evolution macht eine Entwicklungspause von vielen Millionen Jahren. Die Evolution bringt Formen nie ein zweites mal hervor.

Wieviel  Zivilisationen haben überlebt?
Wir machen wieder Annahmen: Von den  1500 möglichen Zivilisationen jedes Fensters  überlebt jeweils ein Drittel einen Zeitraum von 10 Millionen Jahren. Es ist dann mit etwa 750 höherentwickelte Zivilisationen (500+166+55+18+6) zu rechnen, wovon sich ca. 10 (1,5%) in dem von uns beobachtbaren Teil der Milchstraße befinden (Chance: 1:20 Millionen).
Auch hier gilt natürlich, wie vorher, daß es auch doppelt so viele oder gar keine sein könnten.

Höher entwickelte Zivilisationen.
Sie könnten Antriebe bauen, die innerhalb eines Jahres auf fast Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Sie beherrschen Gentechnologie und Nanotechnologie, haben den Mikrokosmos erforscht  und haben Computer und KI-Systeme, die der Halbleiterphysik längst entwachsen sind. Und das Wichtigste: Es sind vernunftbegabte rational denkende Wesen mit geistigen Fähigkeiten, die den unseren weit überlegen sind. Sie haben daher möglicherweise den Unsinn bemannter Missionen auf Entfernungen von mehreren tausend Lichtjahren erkannt. Und sie haben vielleicht auch keine Lust, mehrere tausend Jahre auf Ergebnisse zu warten. Sicher haben sie das eigene Sternensystem erkundet und evtl. besiedelt, mindesten aber mit Forschungsstationen und Basen versehen. Das sie in ihrer näheren Umgebung auf Zivilisationen stoßen ist genau so unwahrscheinlich wie im Fall Milchstraße. Aber vielleicht verkehren solche Gesellschaften längst miteinander. Auf welche Art?  Für uns genau so wenig vorstellbar wie die Mondlandung für unsere Ahnen vor 20 Millionen Jahren.

Wohin würden sie reisen?
Sicherlich nicht ziel- und planlos in der Gegend herum. Bemannte Missionen würden, wie auch bei uns, erst nach erfolgreichen unbemannten Missionen durchgeführt. Oder gar nicht, weil die Qualität der Roboter perfekt und einer Besatzung in vieler Hinsicht überlegen ist. Es ist durchaus denkbar, dass bereits KI-Systeme im Universum unterwegs sind.
Wenn Siedlungsraum gebraucht wird, dann in der Nähe. Kosmische Katastrophen lassen sich evtl. weit voraus ermitteln. Es ist wahrscheinlicher, daß erst die Himmelskörper des eigenen Systems besucht und besiedelt würden. Auswanderung einer ganzen Zivilisation ist sicher möglich, aber zur nächstmöglichen Stelle. Wir können annehmen, das eine raumfahrende Zivilisation ihre eigenen Probleme geklärt hat, d.h. die Vernunft sich durchgesetzt hat und sie in friedlicher Mission reisen.

Besuch aus anderen Galaxien (wie sehen sie aus?).
Während es nach dieser Rechenmethode durchaus möglich ist, daß wir ziemlich allein in der Milchstraße wohnen, wären wir bei Betrachtung des gesamten Universums sicher in zahlreicher Gesellschaft. Wenn es einer Zivilisation nicht gelungen ist die Raum - Zeit zu überwinden, wird sie auch bei Reisen mit annähernd Lichtgeschwindigkeit in der Heimatgalaxie bleiben. Könnten sie aber die Raum - Zeit es überwinden, wären sie sicher unterwegs. Aufgrund der vermutlich geringen Siedlungsdichte im Universums haben sie uns evtl. noch nicht gefunden. Falls doch, sind wir für sie genau so interessant wie für uns die Amöbe und der Besuch lohnt nicht. Es ist aber eher wahrscheinlich, daß sich Lichtgeschwindigkeit und Raum-zeit nicht überwinden lassen. Jedenfalls nicht im Makrokosmos.
Aber wenn doch? Wie sähen sie aus? Aus Sicht mancher Esoteriker weilen sie längst unter uns, inkognito. Aber dass sie äußerlich von uns nicht zu unterscheiden wären, ist nach den Spielregeln der Evolution so gut wie unmöglich.

Die Superzivilisation
Die Evolution ist sicher nicht auf den Daumen angewiesen. Es gibt möglicherweise beliebig viele Möglichkeiten (Silizium statt Kohlenstoff?), vor allem in Abhängigkeit der Umwelt, intelligentes Leben zu entwickeln. Selbst dann, wenn die Umwelt eines Planeten der der Erde gleichen würde. Entsprechend ist es unmöglich, fremde hochentwickelte Superzivilisationen zu beschreiben. Denn diese haben ihren Geist-Seele Komplex vielleicht schon von dem biologischen Trägersystem gelöst (oder lösen müssen). Verfolgt man den durch Katastrophen und andere zufällige Ereignisse geebneten Weg der Menschwerdung, so kann man auch zu dem Schluss kommen, das das Ergebnis in dieser Form einmalig im Universum ist. Wir wollen aber versuchen, einige mögliche Entwicklungen in die Zukunft der Menschheit zu skizzieren, denn es ist natürlich auch möglich, daß wir den Königsweg der Evolution beschreiten.

Überlegungen zur Zukunft der Menschheit
Zunächst muß festgestellt werden, daß das vorübergehende Auftreten einer Art auf unserem Planeten durchaus als Normalfall betrachtet werden kann. Wir könnten also auch ersatzlos von der Bühne verschwinden. Nach dem nächsten Treffer aus dem All, zum Beispiel. Wir haben sicher auch mehrere Möglichkeiten, uns selbst auszurotten. Sollte es gelingen, diese Klippe zu umschiffen, wäre die Weltbevölkerung bis auf weiteres mit dem Krisenmanagement, den Planeten Erde Bewohnbar zu halten, beschäftigt. Mittel für weltweite Forschungsprojekte bleiben knapp. Vorausgesetzt, diese Welt hätte gelernt, friedlich miteinander zu leben.
Wenn wir den nächsten kosmischen Volltreffer rechtzeitig vorausbestimmen können, könnte  vielleicht ein Teil von uns überleben. Diese Bedrohung könnte genügend schöpferische Energie freisetzen, um tatsächlich etwas weiter zu kommen (die Evolution braucht Druck).
Bis zu vollständigen Ausreifung neuer Schlüsseltechnologien (Nanotechnologie, neuronale Computer auf biologischer oder chemischer Basis, Gentechnologie, Antriebe für interstellare Missionen) werden Jahrhunderte vergehen. Nehmen wir an, wir hätten im Jahre 2500 alles im Griff, so dürfen wir nicht vergessen, daß wir noch immer die gleichen biologischen Wesen wären, mit allen unseren selbstbedingten problematischen Verhaltensweisen. Zur Überwindung dieser Erblast der biologischen Evolution müssen wir mindestens 10 - 20 000 Jahre ansetzen. Auch im Jahr 2500 wären die folgenden Probleme immer noch die Probleme der Raumfahrt: Um 94% der Lichtgeschwindigkeit zu erreichen, müßte ein Raumschiff 11 Monate lang mit 9,8 m/sec² (Erdbeschleunigung) beschleunigen (11 Bremsmonate kämen hinzu) (Hinweis für den kritischen Leser: Ich habe das Problem mit der Masse vernachlässigt, denn diese wird auch infolge von Treibstoffverbrauch reduziert, andererseits erhöht sich die träge Masse des Raumschiffs mit zunehmender Geschwindigkeit, anders ausgedrückt: Ich weiß, dass diese Rechnung falsch ist). Nach der Rückkehr würden die Schiffe sofort ins Museum für technische Frühgeschichte gestellt, eine eventuelle Besatzung würde sich (Zeitdilatation) in ihrer Zukunft zurechtfinden müssen. Es wäre auch möglich, daß sie keinen mehr antreffen. Das Thema der interstellaren bemannten Raumfahrt hat möglicherweise an Bedeutung verloren, zumal die Wissenschaft auf der Erde genügend Betätigungsfelder gefunden haben wird.

Bilanz
Es ist durchaus möglich, das unser Planet bereits entdeckt wurde und schon das Ziel unbemannter Missionen war. Wir können aber auch davon ausgehen, daß wir niemals Außerirdische zu Gesicht bekommen werden. In den nächsten 2 Milliarden Jahren genau so wenig wie in den vergangenen 2 Milliarden Jahren. Denn in 2 Milliarden Jahren ist der Andromeda-Nebel bei uns (die Galaxie rast mit 300 Kilometer/sec auf uns zu) und es könnte ungemütlich eng werden. Aber darum und daß in 5 Milliarden Jahren sowieso das Licht ausgeht, müssen wir uns keine Gedanken machen. Denn unsere Nachkommen in Milliarden Jahren (falls es welche gibt - s. Abschnitt ...) - das sind nicht wir. Sie gleichen uns, wie wir den Bakterien.


Zurück zur Hauptseite